Atomistische Hypothese. 5
trachten. Diese letzten, physikalisch nicht mehr weiter teilbarenMassenteilchen, aus denen wir uns die Materie bestehend denken, be-zeichnet man als Moleküle, abgeleitet von molecula, dem Diniinutivumvon moles, die Masse.
Der Raum, welchen die Materie einnimmt, ist somit angefüllt vonMolekülen. Dieselben sind jedoch nicht unmittelbar, nicht stetig, d. h.ohne jeden Zwischenraum aneinander gelagert, sondern sie sind alsräumlich voneinander getrennt zu betrachten. Es ist somit die Materiekein absolut solides Ganzes, sondern durchsetzt von einer großen An-zahl unendlich kleiner Zwischenräume — von Molekül- oder Mole-kularzwischenräumen —, welche die einzelnen Massenteilchen —Moleküle — voneinander trennen.
Schon die Betrachtung einer Reihe von physikalischen Phäno-menen, z. B. der verschiedenen Aggregatzustände eines und desselbenStoffes, sowie des eigentümlichen Einflusses, welchen die Wärme aufdie Stoffe ausübt, macht eine derartige Annahme über die Natur der-selben unumgänglich notwendig. Erwärmen wir z. B. ein Stück Eisen,so beobachten wir, daß sich sein Volum vergrößert: es dehnt sich unterdem Einflüsse der Wärme aus. Das Umgekehrte tritt ein, wenn dieTemperatur desselben erniedrigt wird: das Volum verkleinert sich, eszieht sich zusammen. Worauf beruht diese Ausdehnung, beziehungs-weise Zusammenziehung des Eisens ? Sicherlich nicht auf einer Aus-dehnung, bezüglich Zusammenziehung der einer weiteren Teilung nichtmehr fähigen Eisenmoleküle selbst, sondern nur auf einer Vergrößerungoder Verkleinerung der zwischen diesen kleinsten Massenteilchen befind-lichen Zwischenräume. Die Moleküle haben somit unter dem Einflußder Wärme das Bestreben, sich voneinander zu entfernen, und um-gekehrt bei Temperaturerniedrigung, sich einander zu nähern. Nimmtman nun an, daß die einzelnen Moleküle eines Stoffes durch einegewisse Kraft — Molekularanziehung, Kohäsion — zusammengehaltenwerden, so muß die Wärme in ihrem Einflüsse in direktem Gegensatzehierzu stehen, indem sie die Molekularzwischenräume vergrößert undinfolgedessen die zwischen den Molekülen tätige Anziehungskraft ver-mindert oder teilweise aufhebt. Es kann daher das Wesen der Aus-dehnung eines Stoffes durch Wärme nur in der Erweiterung derzwischen den einzelnen Molekülen desselben befindliehen Räume be-stehen, nicht etwa in einer Ausdehnung der Moleküle selbst; ebensoist die durch Temperaturerniedrigung bedingte Volumverminderung nurauf eine Zusammenziehung, eine Kontraktion jener Molekularzwischen-räume, zurückzuführen.
Auf denselben Ursachen beruhen die Volumverminderungen undVolumvermehrungen, die bei Vergrößerung oder Verringerung des aufeinem Stoffe lastenden Druckes eintreten. Ahnlich verhält es sichauch mit den Veränderungen der sogenannten Aggregatzustände, demÜbergange eines festen Stoffes in den flüssigen oder gasförmigen Zu-stand, und umgekehrt (s. S. 22),
1