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2. Monocotyledones 2 (1907)
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Sauromatum

Von Wilhelm Lehmann

Vor dem Krieg konnte man im Frühjahr in Samen-handlungen und Warenhäusern der Großstadt für einpaar Groschen eine kartoffelbraune, faustgroße Knollekaufen, die ein grob getünchtes Plakat als die Zwiebelder asiatischen Eidechsenpflanze anpries: sie blühe ohneErde, ohne Wasser an iedem hellen Ort der Wohnung.Auch in demjenigen, der notgedrungenen Blickes dasNützliche sucht, werkelt der heimliche Dichterwie könnte sonst der offene bestehen? und, ein wenigzweifelnd, packt dieser sich zu Petersilie- und Bohnen-saat das mandragorische Gebilde ein.

Die scheibenartig verbreiterte Knolle, die schwer inder Hand wiegt, zeigt im März einen aus der oberenMitte wie ein Zahn aufsteigenden weißlichen kleinenKeim. In der Zimmerwärme steigert er sich in einigenWochen zu einem deutlicheren, von Hautlappen um-kleideten, von kleinen rötlichen Strichen vertikal mar-morierten Kegel. Er gedeiht unter der Erwartung desSchauenden, steigt und steigt und dünnt sich in dieHöhe.

Mittlerweile schlägt der Wißbegierige in Lehrbüchernüber die merkwürdige Pflanze nach. Wie immer emp-fängt ihn eine Beschreibung, die das Lebendige in einenKerker von Worten sperrt. Grimmig dem Wachstumabgefiltert, schrecken ein paar allgemeine, derb-leereBegriffe. Auch eine Photographie vermag kaum denenzu -helfen, die nach einem warmen Gegenüber ver-langen. Wir verstehen unter diesen Suchern nichtiie vielen Leser,die mehr zu empfinden als zu denkengewohnt sind", sondern die unendlich selteneren,welche darstellend denken können" und wollen, alssolche also nach dem Gleichgewicht zwischen Denkenund Empfindung trachten. Eher noch werde ich angemutet,wenn ich mich unter den Namen der Pflanze umsehe.Deren umtanzt nun eine Menge liebend und scherzendnicht gerade das Sauromatum als eine gelehrte Bezeich-nung, die auf die gefleckte Haut der Saurier anspielt,sondern sein deutsches Geschwister, den uns vertrautenAronstab (scheint er uns doch sich aus der Reihe zubegeben, in Wahrheit erfüllt er das ihm natürliche Ge-setz) Entweder nämlich verbleibt der Mensch in derplanetansrh bestimmten Entfernung von der Pflanze (unddem Tier), odei aber eine geheime Wahlverwandtschafterleichtert seinem sehnsüchtigen Entzücken eine An-näherung. Sie arbeitet sich in Namen heran. In ihnenbietet er seine ganze eigene Welt der Zeichen auf, dasvielfältige Reich seiner Vorstellungen, um der Erschei-nungen innezuwerden. Er findet Namen, die, aus jetztverschüttetem Gesicht geboren .oder, aus abstruser, oft

mißverstehender, dann mißverstandener Gelehrsamkeitdestilliert, kaum mehr der denkenden Anschauung etwasreichen, höchstens als ein verschollener Klang anrühren.Näher dem Heute stößt er auf Bezeichnungen, die, ausdem Vorstellungsgewebe, mit welchem ihn das Wesenüberfällt, e i n Merkmal heraustupfend, es als erstesGlied eines Wortes absetzen, indes das zweite, oft zueiner bloßen Endung verblichen, eine schon vorhandeneGrundvorstellung ausdrückt. Die letztere ist oft so ver-braucht, daß wir aus -heit, -keit, -tum das Konkrete nichtmehr heraushören. (Es sei beispielsweise daran erinnert,daß im Hessischen das Eichhörnchen Bau mfuchs, daßein und derselbe Handwerker in NorddeutschlandTisch 1er, in Süddeutschland S c h r e i n er heißt, daßder Rohrkolben oft Lampenputzer, im PlattdeutschenBullenpesel, im Irischen Elfenspindel genannt wird.)

Die unmittelbare Nähe der Pflanze, dem sinnlich-über-sinnlichen Menschen vertraut, treibt oft zu herrlichenGleichnissen. Das differenzierende Element bettet dasVertraute in einen erregenden, schwebenden Zustand.Der Name, seiner Natur nach mythisch, daher, wie diealten Epen noch wissen, geradezu schaffend, erhält sodas Leben flüssig, im Gegensatz zum erdrosselnden Be-griff, der allerdings auch ganz der Erdennähe nicht sichzu entschlagen vermag (während die euklidische Ma-thematik mit großer Mühe bestrebt ist, die ihr eigen-tümliche, überall nahe, anschauliche Evidenz geradezumutwillig zu verwerfen, um ihr eine logische zu substi-tuieren). Um das zu können, wird freilich die ganzeSchöpfung aufgeboten. Wie die Natur selbst, die er um-fassen will, gelangt ein glücklicher Namezur ge-nauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem über-zogen". Ihn zu finden, bedarf es der breiten, dumpfenVolksempfindung oder aber des genialen Einzelnsa.Dannbringt der Kontakt mit der Natur das Gefühlwohltuender Sicherheit, selbst als Stück in solche natür-liche Ordnung eingebaut zu sein So erst kommt Men-schen, denen sonst zumal von manchen TheologenGewalt angetan wird, jene serene Ruhe, wie sie primiti-verweise in den Vorhöfen der Naturwissenschaftschon dem einsamen Jäger oder Kräutersammler, demumsichtigen Hirten oder Strahler im Gebirge durch dasMitschwingen mit der Natur eigen ist" (wie J. Strohl inseiner kostbaren Studie über Oken und Büchner be-merkt). Damit stoßen wir in eine Gemeinschaft von Kunstund Wissenschaft vor Dei törichten Meinung, Goethesei mit der Beschäftigung mit den Naturwissenschaftenvon seinem Lebensberufe abgefallen, machte schon dervortreffliche Danzel den Prozeß: die Naturwissenschaftsei vielmehr das heimatliche Innerste seines Geistes ge-wesen, die reiche Konsequenz seines Kunstsinnes (dieNähe von Natur- und Kunstsinn sei übrigens den Grie-chen bereits klar gewesen)) er habe, im Gegensatz zu

seinen Zeitgenossen, zuerst dem sprachlosen Leben dersinnlichen Form, der'Einbildungskraft und dem Gedächt-nisse des Organs, wie er dies beim Künstler nennt, insich eine unverkümmerte Entfaltung gegönnt, dasstumme Leben der Natur nachgelebt und den Grunddazu gelegt, allein in ihrer reinen Tatsächlichkeit dasWesen der Geschöpfe ausgedrückt zu finden, in derIdentität von künstlerischer Freiheit und natürlicherSelbstentfaltung der Dinge im Genie, welches deminneren Leben derselben vertraut ist, die Natur in derWahrhaftigkeit ihrer Selbstgespräche belauschend, alsodiejenige Forschung entwickelt, welche sich ohne ge-schwätzige Theorie in das stille Weben und Walten derErscheinung selbst vertieft.

Unter solchen Erwägungen hat sich die in die Knolleeingewickelte Idee,ein beginnendes Vorbild", immermehr ins Licht entfaltet, der Keim sich zu Vorderarm-länge getürmt, ein zart geriefelter Mast aufgedreht. Vierder häutigen Scheiden spalteten sich ab vom erweitertenunteren Ende, und in geringer Entfernung vom oberender letzten Hülle erscheint blutrot das Balladen-wort sitzt hier an richtiger Stelle ein Inneres. Immernoch streckt sich das Verhüllte, artikuliert sich allmäh-lich, unten kalebassenartig aus- und eingebuchtet, zueinem herrlich kannelierten länglichen Kruge, dereinem jetzt auch deutlich geschiedenen, gelbgrünenStiel aufsitzt.

Als Flaubert bei der Arbeit am Salambo-Roman in-brünstig der karthagischen Landschaft nachtastet, ergibtsich seinem inneren Auge, dringend von der Vision dergesamten Umgebung gefordert, das Bild einer bestimm-ten Pflanze, und hingerissen schreibt er Louise Colet:Guy hat mir die botanische Auskunft gegeben! Ichhatte rechtl Mein Gewährsmann ist der Professor derBotanik am Jardin des Plantes. Also lügt die Ästhetiknicht, und die Realität gibt dem Ideal nicht nach, son-dern bestätigt es!" Umgekehrt beschwört der Anblickdes blühenden Sauromatums die Landschaft des Hima-lajas, die Wohnung des Schnees, die Wohnung der Göt-ter, seine Wohnung.

Erschollder Geistergong aus Asien"? Der letzte, aneinigen Stellen der Naht schon aufgeplatzte, Mantelreißt auf, fällt rückwärts und hängt, in rieselnden Wel-len erstarrend, abgerollt am Fuße des Schaftes, brokatneSchleppe; ein glühender Purpur fleckt den gelben Unter-grund, schwarz glänzend ragt über ihm ein steiler Kiel:aus seinem unteren flaschigen Fünftel, den der Mantelverhüllt läßt, bricht, wie aus gelber Kreide geklebt, einGürtel von Staubgefäßen heraus. Also war das ganze Ge-bilde eine Knospe. Als verbiete uns geheime Werkstattden weiteren Zutritt, entquillt zugleich der Gegend desGeschlechts ein uns fast unerträglicher Geruch, der, fallsman die Pflanze im sonnigen Garten hegt, einen Schwärm

von Kotfliegen anzieht. Lautlos verharrt unser Staunenwie das Blühen selbst. Es ist, als sei der Zustand derMaterie einen Augenblick lang in Frage gestellt, dieNatur selbst in der Schwebe. Ist der Geruch Ausdruckdes Schmerzes der Auflösung? Aber schon wandert dasNichts dem Etwas wieder zu. Namen, Zeichen, Deutun-gen melden sich wieder. Im Mahabharata irrt der WeiseMarkandeja nach einem Weltuntergang auf dem Meereumher, findet ein auf einem Zweig ruhendes Knäbleinund wird von diesem aufgefordert, in ihm auszuruhen:er tritt durch den geöffneten Mund ein und sieht in ihmdie ganze Welt, die er selbst in hundert Jahren nicht zudurchwandern vermochte. Der Knabe war Wischnu, derGott der ewigen Energie.

So hat sich in unserer Pflanze die Materie wieder ge-sammelt, erfrischt, begütigt, und ihre Freigebigkeit be-ginnt von neuem. Wir überstanden vielleicht einen Welt-untergang. Der Kokila, der indische Kuckuck, kannwieder rufen.

Das Fest ist verrauscht. Gleich vergessenen Girlandentrocknen Mantel, Schaft, Häute und Scheide ein. Bei unsfruchtet das Sauromatum nicht, über das Geheimnis seinerKräfte vermag ich nichts zu sagen. Goethe hätte sich viel-leicht von der heftigen Erscheinung abgewandt, die in-dische Mythologie kam ihm fratzenhaft vor. Wir könntendie Blüte nicht schön im Sinn der Klassik nennen. Denklassischen Begriff verwehrt ihre aufgedeckte, nacktePracht, ihr Prunk. Zu wenig sei sie in das Statuarischeabgezogen. Zwar finden wir immer noch leicht, was nichtklassisch sei, entbehre der Form überhaupt. Aber wirhaben seitdem viel erfahren und schließen nicht gern aus.Die Romantik schon erweiterte:Schön ist, was uns andie Natur erinnert und also das Gefühl der unendlichenLebensfülle anregt. Die Natur ist organisch und diehöchste Schönheit daher ewig und immer vegetabilisch."Die Bewegungen der Sauromatumblüte rufen (wie ihreFarben) die des Pumas, des Jaguars wach:zur ge-nauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem über-zogen".

Lautlos verging die Blüte,doch sind wir schon imWiederkommen". Es liegt der Natur an der Blüte nur soviel wie am Blatt, am Samen, an der Wurzel; an der Larveso viel wie am ausgeschlüpften Insekt. So skandiert nurder menschliche Geist. Es gibt hier kein Höher oderTiefer, im Rhythmus des Planeten wandelt sie mindestensso oft vom Verwickelten zum Einfachen wie umgekehrt;die heutigen Schachtelhalme und gewisse Moose sindwesentlich einfacher als diejenigen entschwundenerEpochen.

Riß die Blüte viel Raum und Kraft an sich, so langenjetzt die eigentümlich an der Oberfläche der Knolle aus-brechenden Wurzeln nach Erde. Im Sommer steigen ausneuem Keim, der aussieht, als wolle er eine zweite Blut«