19Pi
Die Eroberung des Indigos für die technische Synthese.
283
Lösung einer Reihe von anderen Aufgaben, um die sich Knietsch undSapper in der Badischen Anilin- und Sodafabrik die größten Verdiensteerworben haben. Sapper entdeckte das Verfahren, die Phthalsäureaus Naphthalin durch Erhitzen mit hochkonzentrierter Schwefelsäureunter Zusatz von etwas Quecksilber zu bereiten. Knietsch lehrte durchseine glänzende Ausarbeitung des Schwefelsäure-Kontaktverfahrens, diebei der Oxydation des Naphthalins frei werdende schweilige Säure aufbilligste Weise wieder in konzentrierte Schwefelsäure überzuführen, so-daß der Sauerstoff der Luft das eigentliche Oxydationsmittel wurde,das bei der Umwandlung von Naphthalin in Phthalsäure verbrauchtwird. Wie man von der Phthalsäure weiter über die Anthranilsäurezur Phenyl-glycin-o-carbonsäure gelangt, wird S. 294 erläutert werden.Aber man erkennt aus obigen Angaben schon, daß die technische Aus-arbeitung des Indigo-Problems — ebenso wie die wissenschaftliche —weit über die gestellte Aufgabe hinaus für die verschiedensten GebieteFrüchte gezeitigt hat.
Im Jahre 1901 — vier Jahre nachdem die Badische Anilin- undSodafabrik den synthetischen Indigo auf den Markt gebracht hatte — er-laugte ein weiteres Verfahren 1 die technische Durchbildung, die es zurKonkurrenz befähigte. Es beruht ebenfalls auf einem schon 1890 vonHeumann 2 entdeckten Prozeß: der S. 245 formulierten Umwandlung voniV-Phenyl-glycin(Anilino-essigsäure) C 6 H 5 -NH-CH 2 -CO-OH in Indoxyl, dasdann zu Indigblau oxydiert wird. Allein das technisch Entscheidendewar die 1900 von Peleger in der Deutschen Gold- und Silber-Scheide-anstalt gefundene Modifikation, Natriumamid an die Stelle des vonHeumann für die Umwandlung benutzten schmelzenden Alkalis zu setzen.Erst hierdurch wurde die Ausbeute an Indoxyl auf eine Höhe gebracht,welche die ökonomische Durchführung des Verfahrens ermöglichte. Eswurde von den Höchster Farbwerken (vorm. Meister, Lucius u. Brüning)in Betrieb gesetzt, welche erkannten, daß an Stelle des Natriumamidsauch Natrium und seine Legierungen mit dem gleichen Erfolge an-gewandt werden können. Die Badische Anilin- und Sodafabrik bildeteein Verfahren technisch aus, um aus Phenyl-glycin ohne Anwendung vonNatriumamid Indigo herzustellen, nämlich durch Benutzung von wasser-freiem Ätzalkali bei gleichzeitiger Gegenwart von Calcium-, Strontium-oder Bariumoxyd.
Durch die Verfahren der Badischen Anilin- und Sodafabrik und derHöchster Farbwerke wird heute der Weltbedarf an Indigo größtenteilsgedeckt; der „natürliche" Indigo ist fast verdrängt worden (StatistischeAngaben s. S. 301).
Der Teerbestandteil, welcher für das Höchster Verfahren gebrauchtwird, ist das Benzol, das in Anilin und dann in Anilino-essigsäure
1 Vgl. dazu die Jubiläumsschrift der Farbwerke vorm. Meistee,Brüning (1913), S. 31—32.
2 B. 23, 3043 (1890).
Lucius u.