!l
P
88
Elektrolytische Dissoziation.
erscheinung zu Natriumchlorid. Die Heftigkeit der Reaktion zeigt, daßdie Neigung des Chlors, sich mit Natrium zu verbinden, eine sehr großeist, und man muß daraus schließen, daß die beiden Elemente im Natrium-chlorid durch besonders starke Kräfte zusammengehalten werden. Hierzusteht aber im Gegensatz, daß sich das Chlor in der Lösung des Salzessehr leicht durch Silbernitrat und durch andere Reagenzien, die mitChloriden schwer lösliche Niederschläge geben (S. 85), vom Natriumtrennen läßt. Im trocknen Natriumchlorid ist die Vereinigung beiderElemente aber tatsächlich eine sehr feste, das Salz läßt sich bis auf800° erhitzen, ohne eine Veränderung zu erleiden, dann schmilzt eswohl und bei noch höherer Temperatur wird es sich verflüchtigen, abereine Trennung des Natriums vom Chlor findet nicht statt. Tauchtman aber in das geschmolzene Salz die beiden Pole oder Elektrodeneiner elektrischen Batterie und läßt den elektrischen Strom hindurch-gehen, so wird das Salz zerlegt, das Natrium wandert nach der ne-gativen, das Chlor nach der positiven Elektrode. Dieselbe Zerlegungverursacht der elektrische Strom auch in der wässerigen Lösung desSalzes, und zwar vermögen schon sehr schwache Ströme die Zer-legung hervorzurufen, so daß also auch hier von einem festen Zu-sammenhalt der beiden Elemente nichts wahrzunehmen ist. Tauchtman die beiden Elektroden in ganz reines Wasser, so zeigt sich, daßes ein Nichtleiter des elektrischen Stroms ist, löst man aber etwasNatriumchlorid darin auf, so findet gleichzeitig mit der Zerlegungdes Salzes die Leitung des elektrischen Stromes statt. Ebenso wirddas Wasser dadurch zu einem Leiter der Elektrizität, daß man etwasSalzsäure oder Natronlauge hinzufügt. Zahlreiche andere Stoffe hin-gegen, z. B. Zucker, haben nicht diese Wirkung. Eine Erklärungaller dieser Erscheinungen gibt die 1887 von Arrhenius aufgestellteTheorie der elektrolytischen Dissoziation. Nach dieser Theorieführt nicht der elektrische Strom, der durch die Natriumchloridlösunghindurcbgeht, die Trennung des Chlors vom Natrium herbei, sondern ervermittelt nur ihren Transport nach den Elektroden, an denen 'sie sichabscheiden. Die Trennung der beiden Elemente vollzieht sich schonbei der Auflösung durch die Wirkung des Wassers. Wir hätten also inder Lösung das Chlor unabhängig vom Natrium anzunehmen. Nunkann aber das Natrium in Wasser gar nicht bestehen, sondern reagiertdamit sofort unter Entwicklung von Wasserstoff (S. 54), und auch vonden Eigenschaften des Chlorwassers läßt die Kochsalzlösung nichtserkennen. In welchem Zustande die beiden Elemente aber in derLösung vorhanden sind, ergibt sich, wenn man sich vergegenwärtigt,was sich denn unter dem Einfluß des elektrischen Stroms nach denElektroden bewegt. Das Natrium gelangt zur negativen Elektrode, derKathode, und wandelt sich dort in gewöhnliches Natrium um, gleich-zeitig geht aber positive Elektrizität aus der Lösung in die Elektrodeüber. Das Natrium ist also beladen mit Elektrizität nach der Kathodegewandert und hat sich erst durch deren Abgabe wieder in gewöhn-liches Natrium umgewandelt. Dasselbe gilt vom Chlor, das an derpositiven Elektrode, der Anode „entwickelt" wird, während gleich-zeitig negative Elektrizität in den metallischen Leiter übergeht. Natriumund Chlor sind es also, die den Transport der Elektrizität durch dieFlüssigkeit vermitteln und sie dadurch zu einem Leiter machen. Durchdie Auflösung des Salzes in Wasser wird die bis dahin elektrisch