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Schlußkapitel.
die schwierigsten und höchsten Probleme, welche der biologischen.Forschung in Gegenwart und Zukunft gestellt sind, die Frage nach derVeränderlichkeit der Organismenwelt unter dem Einfluß äußerer Fak-toren, die Frage der Vererbung, die Frage, was man sich unter einerAnlage in der Eizelle vorzustellen hat, wie Anlagen entstehen undschwinden, und in welcher Weise sie überhaupt den gesetzmäßigenAblauf der Entwicklung bestimmen.
Was auf den vorhergehenden Seiten für die Eizelle genauer durch-geführt und bewiesen wurde, das gilt in gleicher Weise, wie sich ja vonselbst versteht, für die ganze Reihe der aus dem Ei hervorgehendenEntwicklungsstadien. Sie lassen sich ebensowenig als Wiederholungeneiner Reihe ausgestorbener Ahnenformen bezeichnen, als die Eizelleeine Wiederholung des Anfangsstadiums ist.
Abgesehen von den schon angestellten Erwägungen will es mirauch noch aus einem anderen Grund nicht zutreffend erscheinen, dieStadien eines ontogenetischen Prozesses als Wiederholung der Formen-reihe ausgestorbener Vorfahren zu bezeichnen. Unter Vorfahren ver-steht man ja die Endformen einer Ontogenese, die ausgebildeten In-dividuen, die das Vermögen, sich direkt ineinander umzuwandeln,gar nicht besitzen und sich daher auch nicht als Glieder einer Entwick-lungskette aneinanderreihen lassen. Bezeichnen wir Urgroßeltern,Großeltern, Eltern und Kind mit den Buchstaben A, B, C, D, so kannsich nicht A in B, B in C und C in D unmittelbar umwandeln, sonderndie vier Generationen treten nur dadurch in einen genetischen Zusammen-hang, daß sie sich durch Keimzellen- fortpflanzen, welche erst auf Grundontogenetischer Prozesse die Endformen B, C, D liefern. Wenn hierbeiauch D diese und jene spezielle Eigenschaft von A, B und C, wie mansich ausdrückt, erbt, so kann man doch nicht sagen, daß D in seinerEntwicklung die Ahnenreihe A, B und C durchläuft, vielmehr geht Daus seiner Anlage, der befruchteten Eizelle, direkt hervor, ohne erstA, B und C zu werden.
In einem anderen Verhältnis als die zu einer Reihe angeordnetenVorfahren stehen die Entwicklungsstadien einer Ontogenese zueinander;sie laufen an ein und demselben Individuum ab. Denn mögen wir einebefruchtete Eizelle, eine Keimblase, eine vierblätterige Keimscheibe,einen Embryo mit Kiemenspalten während einer Ontogenese einerTierart vor uns haben, so ist es doch immer ein und dasselbe Individuum,,nur in verschiedenen Stufen seiner Ausbildung, die sich unmerklichund ohne sich eigentlich scharf gegeneinander abgrenzen zu lassen,.ineinander umwandeln. Wie die Eizelle die Anlage für den ganzen Ent-wicklungsprozeß, so trägt jedes einzelne weitere Stadium die Anlagefür das nächstfolgende und dieses für das nächste und so weiter in sich.
Daher sind die einzelnen, sich ineinander umwandelnden Stadieneiner Ontogenese ihrem innersten Wesen nach von den Formen einerAhnenreihe, die sich gar nicht ineinander umwandeln können, ver-schieden. In physiologischer Hinsicht spricht sich dies auch schonin dem Umstand aus, daß embryonale Organe und Gewebe währendder Ontogenese sich meist längere Zeit in einem funktionslosen Zu-stand befinden oder auch für ganz andere Zwecke von vornherein be-stimmt sind als die Organe niederer Tierformen, zu welchen sie morpho-logische Beziehungen (Homologien) darbieten, wie die Schlundbögcnvon Säugetierembryoneh zu den Kiefer- und Kiemenbögen der Fischeund Amphibien.