56
Viertes Kapitel.
schauung verwerten, daß schon im ungeteilten Ei die Organisation desEmbryo in „organbildenden Keimbezirken" angelegt ist. Gegen dieseVorstellung lassen sich auch noch manche andere Einwände geltendmachen. Man kann mit fein zugeschärfter Nadel die befruchtete Eizellemancher Tiere anstechen, so daß ein Teil ihres Inhaltes ausläuft; man kannbei großen Eiern (Frosch, Axolotl) auch Umlagerungen des Inhalts herbei-führen; es entwickelt sich doch in vielen Fällen ein normaler Embryo, wasnicht möglich wäre, wenn das Ei in organbildende Bezirke differenziertwäre. Endlich ist auch nicht zu vergessen, daß ebensogut wie das Ei. auchder äußerlich so verschieden beschaffene Samenfaden die Anlage für dasaus beiden entstehende Geschöpf repräsentiert; da ihm aber jedes Dotter-material fehlt, läßt er natürlich auch keine „organbildenden Keimbezirke"erkennen.
Aus alledem ergibt sich die Gültigkeit des Lehrsatzes: Das un-entwickelte Ei hat keine andere Organisation als die einerZelle; es ist von der Organisation des aus ihm entstehendenvielzelligen Tierkörpers ebenso verschieden, wie jede andereZelle des fertigen Tieres. Zellenorganisation und Organi-sation des vielzelligen Tieres sind keine vergleichbarenBildungen.
.b) Die Mosaiktheorie.
. Während nach dem „Prinzip der organbildenden Keimbezirke" dieAnlagen in dem Protoplasmäkörper der Eizelle räumlich verteilt seinsollen, geht die Mosaik- und Keimplasmatheorie^ von der auf S. 50 er-örterten Annahme aus. daß die Kerne der Ei- und Samenzelle die Trägerder Anlagcsubstanz sind, und daß diese im Laufe des Entwicklungs-prozesses qualitativ ungleich auf die späteren'Zellen verteilt werdeund hierdurch ihre Verschiedenheiten hervorrufe. Die Auseinander-legung des Idioplasma in ungleichwertige Anlagekomplexe soll schonmit den ersten Teilungen der Eizelle ihren Anfang nehmen. Demgemäßwird die Übereinstimmung, welche die drei ersten Furchungsebenen man-cher Eier und die drei Hauptebenen des Körpers der bilateral-symme-trischen Tiere in ihrer Richtung mehr oder minder zeigen, dahin inter-pretiert, daß durch die ersten Kernteilungen sowohl die verschiedenenBildungsmaterialien, als auch die differenzierenden und gestaltendenKräfte für die einzelnen Körperregionen voneinander gesondert wordenseien. Wenn man nach der ersten oder zweiten Teilung eine Zelle zer-stört, so können nach der Mosaiktheorie die übrig bleibenden sich nur zueinem bestimmten Stück des Embryo entwickeln, da sie nur mit Stoffund Kraft zur Erzeugung eines Teilstückes infolge qualitativ un-gleicher Kernteilung ausgestattet und so von vornherein nur für eineganz bestimmte Aufgabe im Entwicklungsplan spezifiziert sind. BeiZerstörung einer der beiden ersten Furchungskugeln muß aus demüberlebenden Rest eine linke oder eine rechte Körperhälfte (Hemiembrynlateralis),, bei Zerstörung der zwei vorderen oder der zwei hinteren Teil-stücke des Vierzellenstadiums muß sieh eine Schwanzhälfte oder eineKopfhälfte entwickeln (Hemiembryo posterior und anterior) usw. Sowird denn der Entwicklungsprozeß der einzelnen Regionen und Organedes Körpers, wie der Name der Theorie besagt, zu einer Mosaikarbeit;jede Furchungszelle entwickelt sich unabhängig von der anderen v ermögebesonderer, nur ihr zukommender Eigenschaften und Kräfte zu dem.was sie wird.
——————HM—»