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der Kriechtriebe vermögen mehrere Winter zu überdauern, die Rosettenblätter einen Winter, die Stengelblätterder Blütenstengel sterben im ersten Herbst ab. Die Samen keimen nur nach vorangegangener Frostwirkung.Die Zweigenden überwintern im grünen Zustand, meist unter Schneebedeckung. Die Blütenanlagen sind imHerbst schon sehr weit vorgebildet (die Blütenstände gut erkennbar); daher erblüht die Pflanze sehr frühzeitig(sogleich nach dem Ausapern). Die hellvioletten, im Farbenton an das Wiesen-Schaumkraut erinnernden (nurausnahmsweise weissen), wohlriechenden und zu ansehnlichen Ständen vereinigten Blüten heben sich von demhellfarbigen Kalkgeröll, auf welchem die Pflanze oft quadratmetergrosse Flächen bedeckt, sehr gut ab. DieStaubblätter mit den Antheren werden durch die ziemlich enge Blumenröhre nahe zusammengehalten; die4 Haupt-Honigeingänge finden sich, entsprechend der Stellung der Honigdrüsen, je zwischen einem längern undeinem kürzern Staubblatt. Im Uebrigen funktioniert, ähnlich wie bei Biscutella levigata (vgl. Bd. IV, pag. 100) derblütenbiologische Apparat je nach Exposition des Standortes und Witterung verschieden. In Südlage und beigutem Wetter sind die Blüten ausgesprochen proterogyn. Die Narbe hebt sich beim Oeffnen der Blüten raschüber die langen Staubblätter, deren Antheren noch geschlossen sind, hinaus; letztere drehen sich alsbald,während sie zu stäuben beginnen, nach den kurzen Staubblättern hin und flankieren so die Honig-Zugänge,während Selbstbestäubung unmöglich gemacht wird. In Nordexposition (sowie wohl auch bei trüber Witterungund in besonders hohen Lagen) sind die Blüten homogam und autogam; die langen Staubblätter überragen dieNarbe weit, während die kurzen sie erreichen; die Antheren der langen Staubblätter drehen sich nicht nachder Seite, sondern alle 6 legen sich direkt der Narbe an. In einer mittlem blütenbiologischen Variante stehendie Antheren der langen Staubblätter zwar so hoch oder höher als die Narbe, sind aber durch seitliches Ab-biegen von ihr entfernt, so dass, da die kurzen Staubblätter die Narbe nicht erreichen, spontane Selbst-bestäubung ausgeschlossen ist, wenn auch nicht so sicher wie im ersten geschilderten Fall. — Die Laubblätterbesitzen einen scharf kressenartigen Geschmack und bilden ein Lieblingsgericht der Gemsen und der Gems-jäger. In Mittenwald (Oberbayern) wird die Pflanze zur Bereitung eines Tees gesammelt, der bei starkemAufguss purgierend wirkt, während schwacher Aufguss gegen Lungenleiden wirksam sein soll (Vollmann). —T. rotundifolium gehört in den höhern Kalkalpen zu den auffallenden Erscheinungen des Felsschuttes und derGeröllhalden. Als häufige Begleitpflanzen sind zu nennen: Cystopteris fragilis, Carex firma, capillaris undsempervirens, Festuca rupicaprina, Rumex scutatus, Ranunculus alpestris, Arabis alpina, Papaver Sendtneri(Bd. IV, pag. 27), Silene inflata, Cerastium Iatifolium, Alsine verna und sedoides, Moehringia ciliata (Bd. III,pag. 416), Hutchinsia alpina, Kernera saxatilis, Viola biflora, Linaria alpina, Myosotis alpestris, Galium Helveticum,Achillea atrata, Aronicum scorpioides, Cirsium spinosissimum, Hieracium villosum, Petasites niveus, CrepisTerglouensis, Dryas octopetala, Saxifraga caesia, aizoides und aphylla, Sedum atratum, Trifolium badium,Polygonum viviparum.
Von Bastarden (vgl. auch oben T. rotundifolium subsp. cepaeifolium) ist zu nennen: T. alpinum(var. sylvium) X T. rotundifolium (var. corymbosum) = T. Gremliänum 1 ) Thellung (= T. alpinumX rotundifolium Focke ap. Gremli 1870, = T. alpinum X corymbosum Morthier et Favrat 1879, = T. alpinumX rotundifolium var. corymbosum Favrat ap. Gremli 1880). Pflanze in den Merkmalen zwischen denen derStammarten schwankend. Laubblätter in der Form meist mehr an T. alpinum erinnernd, doch die grund-ständigen oft deutlich gezähnt. Kronblätter blass rosa. Fruchtstand verkürzt (wie bei T. rotundifolium). Fruchtfast von T. alpinum (+• deutlich verkehrtherzförmig). — Mit den Stammarten mehrfach in der Umgebung vonZermatt: Findelen, Riffelberg (hier zuerst 1866 von Focke gefunden), Riffelhorn, Schwarzsee, Lychenbretteram Gornergletscher, ausserdem noch im benachbarten Aostatal (Col de Champorcher) beobachtet.
CCCXXI. CochleäHa 2 ) L. Löffelkraut.
Kräuter und Stauden, bei unsern Arten stets kahl. Laubblätter grund- und stengel-ständig, stets ungeteilt, meist dicklich; Stengelblätter oft umfassend. Eiweissschläuche imMesophyll der Laubblätter, chlorophyllführend. Kelchblätter abstehend, stark gewölbt,aber am Grunde ohne sackförmige Erweiterung. Kronblätter 4, alle gleichgestaltet (Taf. 125,Fig. 2), weiss oder violett, kurz benagelt, ganzrandig. Staubfäden einfach, regelmässigbogenförmig-gekrümmt und zusammenneigend; zu beiden Seiten der kurzen Staubfäden jeeine 3-eckige Honigdrüse. Frucht kugelig bis ellipsoidisch oder eiförmig (Taf. 127, Fig. 6b
') Nach dem schweizerischen Floristen August Gremli, geb. 15. März 1833 in Kreuzungen (KantonThurgau), gest. 30. März 1899 in Egelshofen (ebenda), Herausgeber der bekannten „Exkursionsflora für di eSchweiz" (1. bis 8. Aufl. Aarau 1867 bis 1896) und Verfasser monographischer Arbeiten über Rosa, Rubus,Hieracium, Thlaspi (vgl. pag. 117), Draba, Viola usw., hochverdient um die Förderung der schweizerischen Floristik.
2 ) Vom lat. cöchlear = Löffel; nach der Form der Grundblätter von Cochlearia officinalis.