Sonntag, 18. Juni 1939
Kölnische Zeitung / Stadt-Anzeiger
Vqx 2tJ)abarbetftrat
Eine Gartenenählong
von Friedrich Schnack
Öute, öm ftfl#n btt iyrm tun ftecfenaft, im Begriff, i$r«uÄfichembebarf aus beut Schiof3#arten ju holen, mar eine oottc,ftarfe Berlon ©nöe ber ^maryig. ®°r ^ crS) un, ° Kütbenteffb^otte fie fid) »in« bralle ©eftalt .anformen tonnen. Die fleifcbigenSlr-me, bas runbe ®efid>t, getötet mie mwn SBiberfcbein ber fterb'flamme, bie tafeln Slrftbaugen, bas fräibenicbma^e ftaar hattenauf Uli, ben CBeifyUfcrt bes ©ärtners Borngarl, (Einbrucf gemacht.Snsgeheim münfcbte er fie fid) pr 3t.au — bod) ir>atte er nod)feine ©elegenbeit gefunben, ihr biefen SBBatnfdj ausjubrücten. 9hmmar aber Sriiijling, bie 3eit mar ba, man Trau&te fid) beeilen, ba=mit ber 21ugenblict nidjt ungenujjt oerftreicbe — Uli unb 3utemaren allein im ©arten.
2Bud)tiig ftanb bie Köchin auf bem Kiiesmeg unb rebete nach"brütflid) auf ben ©ebilfen ein. Diefer mußte aus Bfl'iebigefühlben ©arten flehen bie übertriebenen Slnfprüdje ber Köchin »er-tetbigen, mas er ebenfo ungern mie tapfer tat. (Er fniete ooribfjr in feinem Beet auf einem SIribeifsbrett, iubes er ein Bftänjdjenin ber fönten unb bas BflcutätlO'lj in ber rechten ftanb hielt. „Ißwfs©ott!" fagte er, einen börfjften Senden für feine Beteuerung <tn>tmfenb, ,,meif3 (Sott! Das bürfen Sie nicht oon mir »erlangen:bie allerfrüheften, bie erften Dübabarberftieler
gute lachte. Der Khabarber Im ftinterlanb bes ©artens, imSBinfel, roo es Bw.ft gab umb ein roentg fd>attig mar, mftete aufber fetten (Erbe. Seine Stengel hatten fid) gerötet, unb bie run--jeligen Blätter, noch nicht ju ganzer ©röfje ausgebreitet, jeigten«in gleicbfam befümmertes Sfusfeben. ©as mürbe SBorngart fagen,ibrädje Uli bie erften Stiele, unb rat* mürbe ein foirber Raub bemDtbabarber befornnten, ben man nidjt fdjon in ber aUerfrüifyeften,erften Öugenb fchroädjen foü"? Die Köchin nannte ihren Berehrer«inen „Säugling". Uli fcbüttelie barüber erwft ben Kopf. DerRhabarber fei »ielmiebr ein Säugling, ermiberte er, er fauge Saftunb Geben, bamit er fpcier eifrig Stiele hergeben tonne. 2Bieman nicht einer jungen ©ans ihre erften Kielfebern ausrupfe, fobürfe man auch nid)t beim ftbabarber feine frübeften Stielenehmen.
Das ©efpräd) ftocfte. Uli fjieü ben SfugenMicf für gefomineu,feine fdjraeLenben ^ffänjdjen in bie (Erbe 3U ftnpfen unb mit bemWanjholj meidje Srumen gegen bie garten @efd)öpfe ,511 brücfen.3ut« aber manbte fid) ben tR^abarbevitautim 311. Seuf5enb erhobfid) Uli, ihr ju folgen.
Da fauerte er, ber begefirte TOi-abarber unb Iroft bes fterrn»on ftetfenaft. Die tödjin mufterte ftreng unb lüftern bie !pflan«gen. Das 2ßefen im Slatttleib begann fid) früblingsfrob ,5 Ufraufeben. Ungeftüm ftiefjen bie rofigen, ftarten Iniebföpfe ausbem Soben, runblidjen, (Erbfrüc&ten nidjt unähnlich, febstofeftäute platten unb Regen grünrote, yrtnitterte SungiMätter heraus»quellen, nitf)t gröfier als eine STmÖetbanb. 21m 3lad;ibarftod, berbie froftigfte Kote jur Sd>au trug, maren bereits eine ainjahlBlätter herangemadjfen, her^förmiige, heügrüne, gemcltte unb ge«furd)te Dadjer bilbenb. Die roten Stiele t>on faftiger, fradienberBeidjaffenheit äeigten fid) rinnig ausgefehlt: fie roaren bie Stegen-rötjren ber Blattbäd)er unb mürben bas ffiaffcr ben WundenaBurjelftocfeu rafdj juleiten, jutrid)tern,
ßecferc Stiele!, niodjtc Qute ben'fen, mit ben Stengeln lieb-augelnb. 2Böre Uli nicht fo eigen'fiunig unb bocfibeinig, tonnte maueinen Meinen, hübfdjen Bunb brechen! „ftolfteiner Blut!" ftelltebiefer feiner Silngebetenen bie murbrigen !ßfl«n3en©eftalteti oor.
„Örü^er 00m Borgebir^e!* ri«f er, „rotfüefiee Sorten, fe^r be-gehrt — boch erft im 3Kai", fügte er oorfid)ts{)aOber fyin,?«. „&'tragreid) bis (Enbe 5uni. Der Saron frie-gt nod) genug baoon.Der reid>fte ftbaibarber aber ift ber »-2lmerifaner« bort, ein fttefeunb beinahe btiitenios. Sägt fid) nod) im ftochfomimer effen!"
Ob nid)t jefet fdjon ftoohfommer fei, fragte fie liftig, auf bie^flanje mit ben langen Stielen beutenb. Der SOlorgen fei Sm&,fidherlich gebe es heute nod) ©eroitter — mie im Somm-er.
„ftod)ifo.mmer? 9tid>t bei ftoifteiner Slut!" antroortete Uli tedunb fpürte eine anmanbitung oon Bertraulid)teit jur SÜSdjin.Daju tarn es aber nicht, Qute blifete ihn mit ihren oogelfd)marjen2lugen fpöttiifd) an — unb litt trat roieöer 3U feinen B[langen.Durfte er jefet nidjt einiges oon Isineim ©artenihanbmerf er3ahlen?So mie ber oerliebte Sofbat oon feinem Saifernenbienft bem 2Käb=eben beriidjtet, mit bem er abenös burd) bie HUeen bummelt.
<Er begann: ©inen maftbgen, rieid)gebiüngten, [chmeren Bobenbraudjt ber SRh'OJbarber, foü er gut unb fred) maebfen. (Er ift einTreffer. Das roeifs jeber, ber mit ihm ju tun hat. Tl<an fannes i^m nidjt oeröbeln, er mufj ja eifrig Stiele fpenben. 2Bie bumir, fo id) bir!, benft ber Khabarber übe* feinen ©ärtner. JBasbu mir nimmft, mufjt bu mir geben . . .!
9ute hörte nidjt länger ju, fie manbte fid) ab unb bliefte ju benTOiftbeeten, mo bas Kabiesdjen „SRofenrotes %oeal" barauf roar-itit, abgeerntet 3U merben. Der 2Ingrtff auf ben SRhai&arber marabgefdjiagen. Ulis (Sefichi brücfte Befriebigung aus. Unb er gingmit feiner (Erforenen toeg.
Deshalb erfuhr bie tödjiin nicht, unb es bleibt a,ud) aingemifj, obUli es muf3te, bafj ber aufgebonnierte Rhabarber ein Knöterich-gemächs ift gleich bem 2Biefenampfer unb bem Sauerampfer bergrübMngjfuppe. 23o r allen Blattpflan3en 3eidrjnet ihn bie feböne©igenfchaift aus, ein obftartig munbembes Sompott ju fpenben,unb eine TOarmdabe, mit Öngroer oerfod)t. Damit er ftets in SaftRehe, muß fein SSlütenftanb »ertappt merben. Diefe Sorfdjriftbefolgte Uli getreulich. Die Stiele wollen gebrochen, niemalsgefd>nitien merben.
2Büb« rührt fein ungemöbnliicber 9lame, ber fid) mie ein^aubermort anhört, mit bem man Befchmörungen ausführt?, magfid) ein ©ärtner fragen, ber nicht »erhebt ift, unb ein Bflanien«fenner, ber ben Khabanber ju mürbigen roeig. %üx uufere Ohrentönt in bem 2öort Khabarber ber Klang bes grüü)lings, be r jaein Sauberer ift. ©ärtner Borngart, ber fluge, mürbe nun »er<mutlid) bie ff eine ©ejcbid)te erzählen, bie fid) an bie Bilanz an-fpinnt. früher nullen bie öeute Mofj bie 2öur3el, gepuloert oisfteilmittel gegen ©elbfud)t unb Berbauungsbefdymerben. Sie fomals ponMfche ^ßur^el Mhapoiiticum a^us ben ©ebirgslänbern besSchmalen 5Keeres auf Segel(d)iffen in ben alten ftafen oonSarbarife. Die ftänWer führten fie in ihren Öiften als Kha=barbarum. Daraus rouröe ^abarber.
Der tounberiiehe Käme begleitet bas griibjahr bes ©ärtners, erift uns geläufig. Sßohlgefällig ruht bas 2lu>ge auf ben rotenStielibünbcin. Sie babm bie garbe bes älpfels unb roie oonBeerenfättre einen gefunben ©efdjmacf, in ber obfttofen ^eit besneuen ©artem unb ©emiiifejahres bie öecfermäuiler föftiieh er=frifchenb.
Unb Uli freut fid) febon barauif, wm Sitte ein Sd>üffeld}enKhabarbrrfompott 311 betomrnen, fobalb erft ber „5rübe 00mVorgebirge" brud)reif ift. Sie hat es it>m foeben oerfprodjen.