298
EVACUANTIA.
pbysiker, besonders aber die Humoralpathologen benutzten die Dia-phorese, um angeblich, d. h. ihren Theorien gemäss, schädliche Stoffeaus dem Blute und Körper durch die Haut zu entfernen. Diese Ansichterhielt sich lange und wurde sehr populär, namentlich da man die Be-obachtung machen konnte, dass beim spontanen Abnehmen des Fiebers(„Krisen") in vielen Fällen starke Schweisse auftreten (vergl. S. 98).
Wir wollen auf das Richtige und Unrichtige, welches den jeweiligentheoretischen Anschauungen zu Grunde lag, hier nicht näher eingehen.Es sind, nach unseren jetzigen Ansichten, viele Missbräuche dadurchentstanden; aber andererseits muss auch zugegeben werden, dass eineverstärkte Diaphorese häufig, namentlich bei acuten Katarrhen der Luft-wege u. s. w. eine wohlthätige Procedur ist. Auch bei einigen wenigenchronischen Krankheitszuständen kann eine methodisch durchgeführteDiaphorese, sei es durch äussere Mittel, wie Dunst- und heisse Luft-bäder, warme Einwickelungen u. dergl., sei es durch innere Mittel, guteErfolge haben. Dies ist namentlich der Fall bei gewissen chronischenInfections- (Syphilis) und Intoxications-Krankheiten (Blei, Quecksilber,Arsenik), bei rheumatischen und gichtischen Leiden. Die Empirie hatin dieser Beziehung günstige Resultate aufzuweisen. Neben Baden undFrottirungen steigert das Schwitzen auch die sog. „Vitalität" der Haut:die Haut wird reichlicher mit Blut ernährt und die Epidermis zart-schichtiger; beides unterstützt vielleicht z. B. die Wirkungen einerInunctionskur. — Sodann ist das Schwitzen neben Abführen und Ver-stärkung der Diurese zur Entwässerung des Organismus (s. Abführ-mittel und Diuretica) geeignet (gegen Hydrämie, Hydropsien, Trans-sudationen, Exsudatreste, bei Fettsucht u. s. w.). — Die Schweissdrüsenkönnen ferner einen grossen Theil der Secretionsarbeit den Nierenvicariirend abnehmen, und verstärkte Diaphorese kann daher, wennnicht bedeutendes Anasarca die Function der Schweissdrüsen unter-drückt, bei Nephritis u. s. w. indicirt sein.
Wegen der Wasserverdunstung hat starke Diaphorese stets ver-mehrte Wärmeabgabe und oft eine leichte Temperaturerniedrigung zurFolge.
Den Wasserverlust durch die Haut betreffend, ist zu unterscheidenzwischen einfacher Verdunstung und Schweisssecretion. Erstere istvon der Blutfülle der Haut, der Temperatur und Feuchtigkeit der um-gebenden Luft sowie eventuell der Luftbewegung abhängig, letztereist eine Wirkung der Schweissdrüsen. Diese ist in ganz derselbenWeise vom cerebrospinalen Nervensystem abhängig wie die Speichel-secretion. Die gleichen Arzneistoffe, resp. Gifte, welche die Peripheriedes Speichelnerven erregen oder lähmen, beeinflussen in derselben