Narcotica.
25
Die Narcotica wirken dir e et auf das Nervensystem. Obwohl diesschon oftmals strengstens bewiesen und hervorgehoben worden ist, sozeigt sich doch immer wieder von Zeit zu Zeit in der Literatur einegewisse Neigung, z. B. den durch Morphin oder Ckloralhydrat erzeugtenSchlaf, die durch das Chloroform erzeugte Gefühl- und Bewusstlosig-keit als indirecteWirkungen und als direct abhängig von einer Aende-ning der Blutversorgung des Gehirns darzustellen. Das ist irrig. Manbringe einen Frosch in eine mit Chloroformdämpfen gesättigte Luft: inetwa 5—10 Minuten wird er vollständig gelähmt daliegen und auf diegröbsten Insulte nicht mehr reagiren, während sein Herz gut schlägt,ferner in Arterien, Capillaren und Venen eine zufriedenstellende Circu-lation nachweisbar ist — und weder spektroskopisch, noch sonstwie eineVeränderung des Blutfarbstoffes sich ermitteln lässt. Wer trotzdem einedirecte betäubende Wirkung des Chloroforms leugnen will und die Be-täubung des Frosches auf eine Schwächung der Blutcirculation oder aufeinen Verlust von Leistungen des Hämoglobins zurückzuführen unter-nimmt, ist leicht zu widerlegen: man nehme einen anderen Frosch undlüge ihm, wie folgt, eine viel schwerere Circulationsstörung und eine vielgründlichere Hämoglobinberaubung zu — und das Thier wird nach Ab-lauf der gleichen Zeit nicht betäubt sein: man lasse nämlich den Froschz - B. aus der Aorta verbluten, schneide ihm das Herz aus und reinigedas GrefässSystem vom letzten Reste Blut, indem man eine 0,6°/oigeKochsalzlösung durchleitet. Und da dieses Thier nach 10 Minutennicht betäubt ist, so lag auch beim ersten „chloroformirten" Thieredie wirkliche Ursache der Betäubung nicht in irgend einer Schädigungder Blutversorgung — wenn solche wirklich auch vorläge.
Sobald aber für das Froschhirn eine directe Betäubung durchChloroform (und ebenso Chloralhydrat, Morphin u. s. w.) nachgewiesenist, wird für das so fein organisirte Gehirn der Säugethiere und des■Menschen eine gleichfalls directe Wirkung des Chloroforms u. s. w.selbstverständlich.
Diejenigen Experimentatoren, welche in der Narkose das Hirn rela-tiv anämisch fanden und diese Anämie als Ursache der Unthätigkeitder Hirnrinde ansprachen, dürften die Folgen der Unthätigkeit für derenUrsache genommen haben. Wenn die Muskeln, die Drüsen, die Magen-schleimhaut des Warmblüters ruhen, sind sie — zu Gunsten andererinzwischen arbeitender Organe — blutarm; sobald sie zu arbeiten be-ginnen, werden sie blutreich. Dass hier der Grad der Blutzufuhr die*olge und nicht die Ursache der Leistung oder Ruhe ist, liegt klar:weder erzeugt eine anderweitig erzeugte Gefässerweiterung der Organe■1 etanus des Muskels, Secretion der Drüsen u. s. w., noch hindert —