Einleitung.
schränkt; dies versteht sich von selber, so lange am Orte der Appli-cation keine Resorption oder Weiterverbreitung statthat: nun bleibt jaaber freilich ein Stoff — z. B. Atropin im Auge oder Cocain an der be-handelten Schleimhautstelle — nicht am Applicationsorte liegen: viel-mehr diffundirt er, wird allmählich resorbirt (und hierauf beruht dasschliessliche Verschwinden derartiger localer Wirkungen) und gelangt,durch das Gesammtblut verdünnt, zu allen Körpertheilen und Geweben,aber für gewöhnlich in so minimaler Concentration und für jede ein-zelne Körperstelle, Zelle, Nervenfaser u. s. w. in so verschwindendenQuantitäten, dass keine Wirkung statthat. Nur bei übermässig reich-licher localer Application kann es auch zu starken resorptiven Erschei-nungen kommen. Eine andere Besonderheit der localen Einwirkung istdie relative Stärke der Einwirkungen kleiner Mengen gegenüber denSymptomen der resorptiven Einwirkung anscheinend grosser Gaben:Ein Tropfen Wasser, welcher ein halbes Milligramm Atropinsalz gelöstenthält, erzeugt, ins Auge geträufelt, eine Wirkung, wie sie an diesemAuge nach resorptiver Einführung von Atropin in den Gesammt-organismus kaum zu erzielen ist, wenn man das Leben des betreffendenMenschen nicht gefährden will; begreiflicherweise: rechnen wir dasAuge als z. B. ^eooo des ganzen Körpergewichts; soll bei einer resorp-tiven Vergiftung ^2 mg in jedes Auge gelangen, so müsste sich imganzen Körper das 6000fache, d. h. 3 g Atropin bewegen; — aber schonx jio g ist als lebensgefährliche Gabe zu bezeichnen.
Bezüglich der physiologischen Wirkung vieler Mittel leuchtet esohne Weiteres ein, dass sie ihrer inneren Natur nach — d. h. in ihrerletzten, innersten Angriffsweise — eine chemische sei: die nützlicheWirkung des doppeltkohlensauren Natrons bei Ueberschuss, die Wir-kung einer verdünnten HCl-Lösung bei Mangel an Magensäure sindevident chemischer Art; das Gleiche gilt von der styptischen (blut-stillenden) Wirkung des Eisenchlorids und ebenso betreffs einer Reihevon Stoffwechseländerungen, die durch Arzneimittel (und Gifte) zu er-zielen sind. Aber nicht bloss bei derartigen, durchsichtigen Vorgängen,sondern auch bei allen physiologischen Wirkungen sind wir, wie bereitsbetont, durch die vorliegenden wissenschaftlichen Thatsachen genöthigt,als letzte Angriffsweise der Mittel und als Wesen der Giftwirkungenchemische Vorgänge einschliesslich solcher molecularen Vorgängezu beschuldigen, welche das Grenzgebiet der Chemie und der Physikausmachen, wie Quellung, Diffusion, Gerinnung u. s. w. Danach beruhenjene Wirkungen auf der Aenderung eben jener feinsten — chemischenund molecularen — Vorgänge, auf welchen das beruht, was wir „dasLeben" nennen.