Fol. Belladonnae.
Belladonna oder Tollkirsehenblätter, Feuilles de Belladonne, Belladonna leaves.
Die Blätter von Atropa Belladonna L. zeigen be-sonders in der Blütenregion eine merkwürdige Anordnung (essind sogenannte Folia geminata), die dadurch zu stände kommt,dafs das Tragblatt bis zum nächsten Knoten hinaufrückt. Sostehen in der Blütenregion vier Organe nebeneinander: eineBlüte oder ein Partialblütenstand, eine Knospe, ein grofsesund ein kleines Blatt (Fig. 15). Die Blüte I ist das morpho-logische Ende der Achse I, die Blüte II das der Achse II u. s. f.Der Blütenstand ist also ein Sympodium, die Blüten also nicht,wie es zuerst scheint, achselständig. Die (scheinbare) Haupt-achse ist aus Abschnitten verschiedenen Grades zusammengesetzt.Von den beiden Blättern, welche an den Knoten sitzen, istdas gröfsere (ß, Fig. 15) von dem nächst tieferen Knotenherauf'gewachsen, gehört also eigentlich nicht an diese Stelle.Es trägt in seiner Achsel den ganzen Sprol's I, der die Blüten-standsachse fortsetzt. Das zweite Blatt (<v,) gehört an dieStelle, wo es sich findet. Es trägt in seiner Achsel eineKnospe (/<;»), die nur selten sich weiter entwickelt und diemeist im Knospenzustande verbleibt. Ganz das Gleiche giltdann auch von den weiteren Verzweigungen, ß, und ß„ ge-hören an den nächst tieferen Knoten u. s. w.; ß, ist das Deckblattdes Sprofses II u. s. f. Von den „gepaarten Blättern" steht alsonur das kleinere an der richtigen Stelle, das gröfsere ist dashinaufgewachsene Deckblatt des betreffenden Sympodialgliedes,das kleinere das sterile Vorblatt desselben. Da die Vorblätterzum Deckblatt transversal stehen, so bilden hiernach diesebeiden Blätter ungefähr einen rechten Winkel miteinander.In der vegetativen Begion des Stengels liegen die Sachenanders. Hier stehen die Blätter in spiraliger Anordnungam Stengel. Aber auch hier scheinen übrigens die Blätterzum nächstfolgenden Knoten hinaufzurücken. An der Grenzeder Blütenregion findet eine Stauchung der Achsen statt, dieso stark ist, dafs hier anscheinend aus einem Punkte mehrerescheinbar gleichwertige Achsen trugdoldenartig entspringen,bei schwachen Exemplaren zwei, bei starken ein Scheincprirlvon zwei bis sechs. Oberhalb dieser Stelle findet sichdann das oben beschriebene Verhältnis: Sympodien vonWickolcharakter und die Folia geminata. Auch die sekundärenVerzweigungen der Inflorescenz zeigen übrigens sympodialenCharakter.
Die Blätter selbst sind eiförmig, elliptisch oder eilänglich,in eine ziemlich feine Spitze auslaufend, an der Basis in denStiel keilförmig verschmälert, ganzrandig, dünn, 4 bis 20 cmlang. Die von dem Hauptnerven abgehenden Sekundär- undTertiärnerven bilden Randschlingen. Mit blofsem Auge siehtman nur auf den Nerven Haare, bei Betrachtung mit derLupe sieht man aber auch dergleichen auf der Fläche; bei
dieser Betrachtungsweise treten auch zahlreiche zarte weifseFlecke oder Höcker hervor, die den Oxalatzollen entsprechen,die im Innern des Blattes liegen.
Der anatomische Bau der Blätter ist einfach. Die Epi-dermis der Blattoberseite (Epo , Fig. 10 und 11) besteht ausetwas tangential gestreckten Zellen, die, von der Fläche be-trachtet, nur geringe wellige Biegungen der Seitenwände er-kennen lassen. Die Kuticula zeigt zarte, unregelmäfsig ver-laufende Falten (Fig. 11), die über den Nerven stärker sind,dort gerade verlaufen und daselbst auch auf dem Quer-schnitte sichtbar werden (cut, Fig. 10). Spaltöffnungen sindvorhanden, aber nicht sehr zahlreich. Die Epidermis derhelleren Blattunterseite (Epu, Fig. 10 und 12) zeigt einestärkere Wellung der Epidermisseitenwände (Fig. 12) undeine erheblich gröfsere Anzahl von Spaltöffnungen. DieFaltung der Kuticula ist die gleiche wie auf der Oberseite.Die Zahl der Nebenzellen beträgt bei den Spaltöffnungensowohl der Blattoberseite wie der Unterseite meist 3, seltener 4.
Unter der oberen Epidermis liegt eine meist einreihigeSchicht von Palissadon (p, Fig. 10), dann folgt ein zartes,reich durchlüftetes Merenchym. In ihm finden sich auch dieziemlich zahlreichen Kristallsandzollen, die eine grofse Mengesehr kleiner Kristallenen (Fig. 14) führen.
Die Haare, welche auf beiden Seiten der Blattflächeliegen und wie gewöhnlich so auch hier die Nerven bevor-zugen, sind für gewöhnlich Reihenhaare mit einem kugeligenKöpfchen (t, Fig. 10 und 13). Daneben finden sich auch,wennschon bedeutend in der Minderzahl, solche mit mehr-zelligem Köpfchen (i„, Fig. 11) und solche mit kegeligerSpitze (*, Fig. 11).
Der Mittelnerv ladet stark nach unten aus, etwas auchnach oben. Er führt unter der Epidermis sowohl oberseitswie unterseits einen schmalen Kollenchymstrang (col, Fig. 10).Im Grundparenchym liegen auch hier Kristallsandzellen. DasNervenbündel ist bicollateral. Es führt also Siebteile sowohloberseits (sb,) wie unterseits (sb, Fig. 10). Der Gefässteil(gib) zeigt undeutlich strahligen Bau. Die Sekundär- undTertiärnerven liegen im Mesophyll und treten nicht oder dochnur wenig äufserlich hervor.
In der Droge finden sich bisweilen Blüten und Früchte.
Das Pulver.
Das Pulver der Belladonnablätter ist durch die Kristall-sandzellen charakterisiert. Auch die eigenartigen Haare sinddiagnostisch brauchbar. Bei den Epidermisfetzen mufs mandie Zahl der Spaltöifnungsnebenzellen bestimmen. Es sindmeist drei. Auch die Faltung der Kuticula ist charakteristisch.Man präpariert in Chloral.
Tschirch und Oesterle, Anatomischer Atlas.
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