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Anatomischer Atlas der Pharmakognosie und Nahrungsmittelkunde : mit 81 Taf.
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Tafel 74.

Folia Digitalis.

Fingerhutblätter, Feuilles de Digitale (Grande Digitale), Foxglove-leaves.

Die Blätter von Digitalis purpurea L. sind verschiedengestaltet, je nachdem sie der basalen Blattrosette des erstenJahres oder dem blütentragenden Stengel des zweiten ent-stammen.

Im ersten Jahre entwickelt die Pflanze nämlich nur einBüschel aufserordentlich grofser Blätter, die mit dem (bis25 cm) langen Stil bis 60 cm Länge und 15 cm Breite er-reichen, für gewöhnlich aber nur ca. 20 cm lang werden.Diese Blätter sind allmählich in den Blattstiel verschmälert,sodass derselbe geflügelt erscheint. Im Umriss sind dieBlätter eiförmig oder eilänglich, am Bande gekerbt mit un-gleich grossen Kerbzähnen, an der Spitze stumpflich bespitzt.Diese Basalblätter sollen nicht verwendet werden, da sie an-geblich weniger wirksam sind als die Stengelblätter.

Die Pflanze erzeugt nämlich erst im zweiten Jahre einenblütentragenden Stengel und an den unteren Partien desselbenspiralig angeordnete Stengelblätter, die je weiter nach obenumso kleiner werden. Diese sollen verwendet werden. Dasie vom Stengel abgerissen werden und der Blattstiel amStengel hinabläuft, so findet man bei der Droge oft nochPetzen der Epidermis und des darunterliegenden Gewebes desStengels an der Basis der Blattstiele.

Diese Stengelblätter sind mehr ei-lanzettlich oder oblong-lanzettlich wie eiförmig oder eilänglich und am unteren Teiledes Stengels noch ziemlich gross, bis 25 cm lang und 10 cmbreit. Sie sind in den Blattstiel verschmälert, der dadurchgeflügelt erscheint, und sitzen mit breiter Basis dem Stengelan. Je weiter die Blätter nach oben gehen, umso kürzerwerden sie die mittleren sind etwa 15 cm lang undumso kürzer auch der Stil. Die obersten Blätter sind sitzend.Diese Stengelblätter sind dadurch ausgezeichnet, dass sie relativlang und scharf zugespitzt sind und die Kerbzähne besondersbei den oberen Blättern eng stehen und scharf hervortreten,auch eckiger wie bei den Blättern der Basalrosette sind.Jeder Zahn läuft in ein meist gebräuntes Spitzchen aus.

Diese Blattzähne sind für die Diagnose wichtig. Sicwerden daher weiter unten gesondert behandelt werden.

Aufser dem unterseits kräftig vorgewölbten Mittelnervenfinden sich zu beiden Seiten meist vier kräftige Sekundär-nerven, zwischen denen ein reiches Netzwerk von ebenfallsnoch aus der Blattfläche unterseits hervortretenden Tertiär-und Quaternärnerven liegt. Die von den letzteren umschlos-

senen Facetten lassen im durchfallenden Lichte noch einweiteres feines, ins Blattgewebe eingebettetes Netz zarterNerven erkennen. Diese Nervatur, die das Blatt unterseitsfast runzelig, oberseits feinbuckelig erscheinen läfst, ist fürDigitalis sehr charakteristisch (vergl. Angew. Anatomie, Fig. 376).

Die Behaarung ist aufserordentlich wechselnd. Es hängtdies offenbar vom Standorte ab (Digitalis purpurea bevorzugt"Waldlichtungen der Mittelgebirge). Neben beiderseits, be-sonders unten, stark behaarten Blättern finden sich solche, diefast nur auf der Unterseite behaart sind, oder gar solche, diedaselbst nur an den Nerven Haare tragen. Im allgemeinensind die Blätter des ersten Jahres schwächer behaart und diesonniger Standorte stärker. Stets bevorzugen die Haare dieNerven der Unterseite. Je nach der Behaarung wechselt auchdie Farbe der Blätter etwas. Meist erscheinen sie oberseitsdunkelgrün und unterseits weifslich-grau.

Da die Blätter des Stengels, besonders die oberen, diewirksamsten sind, so sollten Blätter, die mit Stiel länger als30 cm sind, ausgeschlossen werden, ebenso die Blätter derbasalen Bosette des ersten Jahres, die ich oft in der Drogegefunden habe (in einem Falle bestand die Droge nur aussolchen!) und die, da sie sehr stattlich sind, der Ware eingutes Aussehen geben.

Die Anatomie der Blätter ist einfach. Zunächst fälltdas völlige Fehlen aller Kalkoxalatkristalle auf. Dadurch sindselbst kleine Fragmente von solchen der Fol. belladonnac,Fol. Stramonii und Fol. Hyoscyami zu unterscheiden (vergl.S. 168).

Die Epidermis der Blattoberseite besteht aus im Quer-schnitt nahezu quadratischen oder etwas tangential gestrecktenZellen (Epo, Fig. 2), die, von der Fläche betrachtet, geradeoder nur wenig gekrümmte Wände zeigen (Fig. 3). Die Epi-dermis der Blattunterseite zeigt im Querschnitt tangential-gestreckte oder quadratische Zellen, (Fig. 2 Epu) die von derFläche betrachtet, über den Facetten starke wellige Biegungenzeigen (Fig. 4) und nur über den Nerven gerade Wände besitzen.(X Fig. 4). Über dem Mittelnerven sind die Epidermiszellen derUnterseite derb- und geradwandig und zeigen Tüpfel. DieCuticula besitzt hier Längs (alten. Kali färbt den Inhalt derEpidermiszellen und Haare gelb, Jodjodkali erzeugt in ihneneinen starken braungelben Niederschlag und conc. Schwefel-säure färbt erst grünlich gelb, dann treten feine Nädelchen