Druckschrift 
Anatomischer Atlas der Pharmakognosie und Nahrungsmittelkunde : mit 81 Taf.
Entstehung
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

m .^

Tafel 72.

EM. gentianae rabr.

Enzianwurzel, Roter Enzian, Racine de gentiane, Gentian-root.

Die Enzianwurzel könnte ebensogut Enzianrhizom heifsen,denn oftmals bestellt bei den Stücken der Droge die reich-liche Hälfte aus Ehizom, wenigstens bei den von Gentianalutea L. stammenden Stücken. Die entsprechend der ge-ringeren Gröfse der ganzen Pflanze erheblich kleineren Rhi-zome und Wurzeln von Gentiana pannonica Scop., Gen-tiana purpurea L. und Gentiana punctata L. zeigenzwar oftmals das gleiche Verhältnis, doch überwiegt bei ihnenbisweilen der Rhizomteil so stark, dafs ich vorziehen würde,sieRhizoma gentianae" zu nennen. Aber auch in der Drogevon lutea habe ich Stücke gefunden, die fast ganz aus Ehi-zom bestanden. Was Rhizom ist und was Wurzel, ist leichtzu entscheiden, da das Rhizom deutliche Querringelung zeigt(Fig. 1,4 a, 5).

Das Rhizom von Gentiana lutea L. (dies sei derBeschreibung zu Grunde gelegt) ist ein vertikal in der Erdestehender unterirdischer Sprofs, der sich aus dem hypokotylenGliede, sowie dem Epikotyl der Keimpflanze entwickelt undder eine sogar an der Droge der Regel nach noch gut zuerkennende Eigentümlichkeit besitzt. Die Hauptwurzel, inwelche das hypokotyle Glied nach unten zu ausläuft, stirbtnämlich frühzeitig ab und an ihre Stelle tritt eine seit-lich von der Ursprungsstelle derselben, also an der Basisdes Rhizoms resp. des früheren hypokotylen Gliedes ent-springende oder eine weiter oben am Rhizom entstehendeNebenwurzel. Da nun im letzteren Falle alle unterhalb derInsertionsstelle der Wurzel liegenden Rhizomteile allmählichabsterben, so bieten die Drogenstücke vier Typen dar. Imersten Falle (Fig. 4) ist die Hauptwurzel (wu) noch erhaltenund die Nebenwurzel (nwu) beginnt zu erstarken, im zweitenFalle (Fig. 1) ist die Hauptwurzel abgestorben (bei X, Fig. 1),die neben der Hauptwurzelinsertionsstelle inserierte Neben-wurzel ist erstarkt und bildet nunmehr das Ernährungsorgan(um, Fig. 1), im dritten Falle ist eine weiter oben am Rhizomentstehende Nebenwurzel (z. B. ivu Fig. 4) herangewachsenund erstarkt; der oberhalb derselben liegende Rhizomteil istam Leben und in lebhafter Thätigkeit, der darunter liegendebeginnt abzusterben (Fig. 5). Doch kann das Absterben nochlange Zeit sich hinziehen. Dann haben wir ein langes Rhi-zomstück mit abgestorbener Basis und einer mehr oder wenigerkräftigen Nebenwurzel. Endlich kann der Fall eintreten, dafssich der zweite und dritte Typ miteinander kombinieren, d. h.,dafs aufser der an der Insertionsstelle der (abgestorbenen)Hauptwurzel entspringenden Nebenwurzel auch eine oder

mehrere der weiter oben entstehenden Nebenwurzeln heran-wachsen. Dann bleibt natürlich das unterhalb der letzterenliegende Rhizomstück erhalten und an dem langen Rhizomesitzen eine oder mehrere Wurzeln. Die Regel ist, dafs dieHauptwurzel fehlt. Die sie vertretende Nebenwurzel kann, wennerstarkt, sich in ein oder mehrere gleiohmäfsige Zasern teilenoder mehr oder weniger kräftige Seitenwurzeln bilden. Dochneigt im allgemeinen Gentiana nicht zu reichlicher Zaserbil-dung. Tritt Bildung von kräftigen Nebenwurzeln ein, so pflegtdie relative Hauptwurzel abzusterben. Junge Rhizome sindunverzweigt. Oft wird das senkrecht im Boden stehende,nur wenig gekrümmte Rhizom viele Centimeter lang, bevoran seiner Spitze Gabelungen eintreten. An älteren Rhizomenvon Gentiana lutea findet man fast regelmäfsig Gabelung(Fig. 5). Diese Rhizome erscheinen dann vielköpfig. BeiGentiana purpurea fand ich schon bei relativ dünnen Rhi-zomen (wie sie etwa der Fig. 4 entsprechen) Mehrköpfigkeit.Die Bildung solcher Rhizomgabelungen geschieht in der Weise,dafs eine oder mehrere, in der Achsel von Laubblätternsitzende Knospen heranwachsen (Fig. 4). Bei Fig. 4 sindaufser der Hauptknospe (kn) bereits drei solcher Seitenknospenentwickelt (kn, kn,, kn,,), bei Fig. 5 zwei. Angelegt werdenübrigens frühzeitig viele solcher Knospen (kn, Fig. 5), aberdieselben kommen oft Jahrzehnte lang nicht zur Entwickelung.Bestimmt kommen sie zur Entwickelung erst, wenn die Pflanzesich zum Blühen anschickt. Denn nach dem Abblühen stirbtdie terminale Knospe ab und eine oder mehrere Seitenknospenübernehmen dann die Führung.

Bei den Stücken der Droge, soweit dieselbe von Gentianalutea stammt, sind Knospen selten, da für gewöhnlich vordem Trocknen die Knospen entfernt (Fig. 1) und Rhizom wiedickere Wurzeln der Länge nach halbiert werden. Dagegenfand ich sie bei den schmächtigeren Rhizomen von Gentianapurpurea und punctata noch recht oft. Durchschneidet maneine solche Knospe der Länge nach, so findet man, dafs derflache Vegetationspunkt in der Mitte einer breiten, flachenMulde liegt (Fig. 6), die die Spitze des Sprofses bildet, unddafs die Blätter der Knospe dicht gedrängt ihn umschliefsen.Die Blätter bilden zweigliedrige dekussierte Blattpaare (Fig. 4,oben, u. 5). Ihre Basen sind verwachsen und umschliefsenalso den Sprofs ringsum (Fig. 4). Sie hinterlassen nach demAbfallen Blattnarben, die ziemlich dicht aufeinander folgen(I, Fig. 4) und bei denen die Narben der Herbstblätter oftdeutlicher hervortreten als die übrigen. Yerfolgt man das