Tafel 66.
Flor, lavendulae.
Lavendelblüten, Fleurs de lavande, Lavande femelle, Lavender flowers.
Die Flor, lavendulae sind die Blüten von Lavandulaofficinalis Chaix (Lavendula vora DC.), einem reichverästelten, meist einige Dezimeter hohen Strauche, der aberauch bisweilen höher wird. Die blütentragenden Zweige sind20 — 40 cm lang, tragen am Grunde lineale Blätter in de-kussierten Paaren, die ebenso wie die Zweige filzig behaartund an den Rändern zurückgerollt sind.
Die Inflorescenz ist eine unterbrochene Ähre. Jederder 4—5 Partialinflorescenzen bildet einen Scheinquirl. JederScheinquirl besteht aus zwei gegenüberstehenden cymösenInflorescenzen, deren Achsen so stark verkürzt sind, dafs esauf den ersten Blick scheint, als entsprängen alle Blüten aneinem Punkte. Es läfst sich aber leicht nachweisen, dafsdies nicht der Fall ist, sondern dafs wir eine Gipfelblüteunterscheiden können, unterhalb welcher entweder auf jederSeite je eine Seitenblüte oder je eine kleine zweiblütige Cymaentspringt. Im einfachsten Falle haben wir also ein drei-blütiges Dichasium (Fig. 1, unten und 1 a), im entwickeltsten einfünfblütiges Dichasium (Fig. 1, oben und lb) mit wickeligenSeitenachsen. Als seltenere Zwischenform figuriert ein vier-blütiges Dichasium mit Gipfelblüte, an der einen Seite miteiner Blüte, an der anderen mit einem zweiblütigen Wickel,als extreme, besonders bei den gipfelständigen Partialinflores-cenzen zu beobachtende Form eine sechs- oder gar sieben-blütige Inflorescenz, wo einer oder beide der seitenständigen"Wickel dreiblütig sind. Überhaupt herrscht die Tendenz vor,dafs die oberen Inflorescenzen blütenreicher, die unterenblütenärmer sind. Die untersten zeigen fast immer nur drei-blütige Partialinflorescenzen. Aber auch bei diesen sind diebeiden übrigen Blüten wenigstens angedeutet. Ihre Deck-blätter wenigstens findet man gewöhnlich leicht und beimikroskopischer Betrachtung in der Achsel derselben aucheine kleine, nicht entwickelte Knospe (Fig. la). Die Auf-blühfolge ist stets so geregelt, dafs die Gipfelblüte zuerstaufblüht, dann folgen die zwei nächst benachbarten, also mor-phologisch unteren, und dann die zwei äufsersten oberen Blüten.
"Wenn die Mittelblüte (I) aufgeblüht ist, beginnen dieSeitenblüten (II) sich erst zu öffnen und die letzten Blüten(III) sind noch im Knospenzustande (Fig. 1, oben). Die Seiten-blüten erschliefsen sich daher erst dann völlig, wenn dieMittelblüte abgeblüht ist (Fig. 1, unten).
Tscuirch und Ocsterle, Anatomischer Atlas.
An den Knoten der Inflorescenzachsen stehen sichnun stets je zwei solcher Partialinflorescenzen gegenüber(Fig. 1, unten). Nach dem oben Gesagten finden wir also anden Knoten Seheinquirle, von im einfachsten Falle im ganzensechs, im kompliziertesten von im ganzen 12 — 14 Blüten,erstere unten, letztere oben. Die Regel bilden sechs- und zehn-blütige Scheinquirle. Im unteren Teile der Ähre stehen dieSchemquirle entfernt voneinander, im oberen, da dort dieInternodien sehr kurz sind, gedrängt. Das, sowie die rela-tive Reichblütigkeit der oberen Inflorescenzen bedingt daseigenartige Aussehn der Inflorescenz des Lavendel. Jede derPartialinflorescenzen ist von einem relativ grofsen Deckblattebehüllt (Fig. 1 u. 2, D), welches unten breit-eiförmig und amGrunde abgerundet, oben in eine feine lange Spitze ausgezogenist. Diese Deckblätter sind meist trocken und bräunlich, be-sonders am Rande reich behaart und von einem Hauptnervenund mehreren Nebennerven durchzogen, die alle an der Basisentspringen. Die Deckblätter der einzelnen Blüten der In-florescenz, die ganz versteckt liegen und erst nach Abprä-parieren des Inflorescenzdeckblattes resp. bei mikroskopischerUntersuchung sichtbar werden, sind sehmal, eilanzettlich-pfriemlich und etwa 1 mm lang.
Die Deckblätter der Partialinflorescenzen stehen in de-kussierten Paaren, die aufeinander folgenden Paare alternierenalso miteinander (Fig. 1).
Die Blüten sind zygomorph in Kelch und Corolle undproterandrisch. Die Antheren verstäuben also den reifenPollen, bevor die Narbe bestäubungsreif, also empfängnisfähiggeworden ist. Die Befruchtung bedarf also der Vermittelungder Insekten.
Der gamosepale, bläulich-graue Kelch ist röhrig, immittleren Teile etwas erweitert, gestreift, meist von 11 bis13 Nerven (Fig. 6 u. 8) durchzogen. Er ist 5—6 mm langund am oberen Rande reichlich gekerbt. Er trägt ein dorsalgestelltes Läppchen {Za, Fig. 6), das dem einen hinteren Kelch-blatte entspricht und die Zygomorphie des Kelches bedingt.Die übrigen vier Kelchblätter sind so völlig miteinanderverwachsen, dafs man ihre Grenzen nicht erkennt. Doch sind,wenigstens bisweilen, am oberen Kelchrande aufser demLäppchen vier Zähnchen zu bemerken, die, wie der Verlaufder Nerven lehrt, den vier Kelchblatt spitzen entsprechen. In
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