Druckschrift 
Die Aufgaben der heutigen wissenschaftlichen Pharmacie : Vortrag, geh. auf der Hauptversammlung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft im Hofmann-Haus zu Berlin am 14. Dezember 1901
Entstehung
Seite
14
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

14

miker in Augenschein genommen, und bin geradezu erstaunt ge-wesen über die Einfachheit dieser Arbeitsstätten und deren Ein-richtung. Ein kleines oder mittelgrosses Zimmer mit einem oderzwei Nebenräumen, darin die üblichen chemischen Gerätschaften,welche man fast in jedem gut eingerichteten Apothekenlaboratoriumantrifft, das waren die Geburtsstätten der bedeutendsten Entdeckungenund Erfindungen. Von geradezu bewundernswerter Einfachheit warseinerzeit das Privatlaboratorium meines Lehrers Wilhelm Ost-wald im früheren zweiten chemischen Universitätslaboratorium inLeipzig, in welchem der Schöpfer der modernen physikalischenChemie den grössten Teil seiner epochemachenden Untersuchungenfast ausschliesslich mit selbstangefertigten Apparaten ausgeführthat. Ja, man kann vielfach die Beobachtung machen, dass dieGrösse und prächtige Einrichtung eines Institutes im umgekehrtenVerhältnis zur Zahl und Bedeutung der Arbeiten stehen, welche ausihm hervorgehen. Als ein unerreichbares Vorbild muss gerade unsApothekern die Porschungsthätigkeit eines Carl "Wilhelm Scheelevor Augen stehen, der in den dürftigen Räumen seiner Apotheke vonEntdeckung zu Entdeckung eilte und eine solche Fülle bedeutenderUntersuchungen ausführte, dass ihm für alle Zeiten ein Ehrenplatzunter den hervorragendsten Chemikern gesichert ist. Und dasEntdecken und Erfinden bot vor l.")() Jahren genau dieselben Schwie-rigkeiten, wie heutzutage!

Durch nichts kann der Apothekerstand seine Zugehörigkeit zuden gelehrten Ständen schlagender nachweisen, als dadurch, dassaus seinen Reihen wissenschaftliche Arbeiten hervorgehen. Auf dieVorteile, welche ihm damit in gesellschaftlicher und pekuniärer Be-ziehung erwachsen, habe ich schon oben hingewiesen. Ferner darfman den bildenden Einfluss nicht unterschätzen, den die Beschäftigungmit den Naturwissenschaften auf das Gemüt und den Charakter desMenschen ausübt. Auch wenn unsere Erfolge noch so bescheidensind, so gewähren sie uns doch wahrhaft reine Freuden und jeneinnere Befriedigung, die uns die Härten des Lebens vergessen machtund uns von neuem befähigt, den Kampf mit einem widrigen Ge-schick erfolgreich aufzunehmen 1 Schliesslich möchte ich auch noch

1) Die Bedeutung eigener Forschung für die Aurrechthaltung geistigenLebens hat der Basler physiologische Chemiker Friedrich Mieschersehr treffend in einem Briefe an einen befreundeten Gymnasiallehrer ge-schildert, der über seine Lebensaufgaben mit sich in Zwiespalt geratenwar. Aus diesem Briefe mögen hier folgende Worte Platz linden, welcheauch für das Geistesleben anderer Berufszweige Geltung haben:Leichtwird das gauze Denken allmählich in die Grenzen des alltäglichen ordi-nären Schulwissens eingepfercht, bis der Mann schliesslich, er mag von