246
Noll:
Die Bildung einer selbständigen Nachkommenschaft hat aber auch dieLoslösung derselben von der Mutterpflanze zur Voraussetzung. Bildet einBaum neue Knospen und Zweige, die mit ihm in Verbindung bleiben unddas Schicksal des Ganzen theilen, so wird das niemand als Fortpflanzungbezeichnen. Würden sich dieselben Knospen aber loslösen und als selb-ständige Pflanzen auf dem Boden weiterwachsen können, so wäre das eineArt der Fortpflanzung, wie sie thatsächlich bei manchen Pflanzen vorkommt.
Die Verhältnisse der Aussenwelt stellen aber noch eine weitere Forde-rung an die Fortpflanzung, nämlich die, dass sie mit einer Vermehrungder Keime Hand in Hand geht. Da die losgelösten und ganz dem Zufallepreisgegebenen Keime nicht immer die notwendigen Lebensbedingungen zuihrer Entwickelung vorfinden, sondern zum allergrössten Theil in widrigenVerhältnissen untergehen, so müsste eine Pflanzenart, deren Individuen nurje einen einzigen Keim hinterliessen, in kurzer Zeit ausgestorben sein. Fürdie Vermehrung wird denn auch in ausgiebigster Weise bei der Fort-pflanzung gesorgt und die Natur verfährt dabei in geradezu verschwende-rischer Weise. Hundert- und tausendfach ist gewöhnlich die Zahl der er-zeugten Keime ihren Erzeugern gegenüber. Man denke nur an den Frucht-körper eines grossen Hutpilzes, welcher Hunderttausende entwiekelungs-fähiger Sporen ausstreut, oder an die Samen der Orchideen, von denen sichmeist viele Tausende in einer einzigen Fruchtkapsel befinden.
Verjüngung, Loslösung und Vermehrung von Einzelwesen sindalso die wesentlichsten Punkte, auf welche es bei der Fortpflanzung an-kommt.
Bekanntlich erfüllen die Pflanzen diese Bedingungen in der verschie-densten Art und Weise. Jede grössere Abtheilung des Pflanzenreichs hatdabei ihren besonderen Weg eingeschlagen und auch innerhalb jener Ab-theilungen herrscht eine solche Mannigfaltigkeit, dass jede Familie, jedeGattung, ja sogar oft eine einzelne Art ihre besonderen Eigenthümlichkeitenausgeprägt hat. Auf diese Abweichungen in den Fortpflanzungsorganenund ihrer Functionen ist die ganze Systematik ja so wesentlich begründet,dass sie geradezu auf eine specielle Darstellung der Fortpflanzungsformenim Pflanzenreich hinausläuft.
So vielgestaltig im Einzelnen aber auch die Aufgabe gelöst ist, solassen sich doch im Allgemeinen zwei ganz verschiedenartige Wege ihrerLösung unschwer erkennen und scharf trennen.
Der einfachere von diesen besteht in der Bildung von Zellen oder Zell-körpern, welche nach ihrer Lostrennung von der Mutterpflanze ohne Weiteres,entweder sofort oder nach einer Euhezeit, keimen und zu neuen selbständigenEinzelwesen heranwachsen. Die besonderen Wachsthumsgesetze und derFormenkreis der Mutterpflanze setzen sich continuirlich in diesen Gebildenfort. Diese Fortpflanzungsweise hat man die vegetative, ungeschlecht-liche oder monogene genannt.
Der zweite, bei der Fortpflanzung eingeschlagene Weg ist dagegen einmerkwürdiger Umweg. Es werden dabei nämlich zweierlei Fortpflanzungs-zellen erzeugt. Eine jede Art derselben vereinigt zwar auch in sich dieWachsthumsgesetze und Eigenthümlichkeiten ihres Erzeugers, aber es fehltbeiden zunächst doch die Fähigkeit sich weiter zu entwickeln. Statt zuNachkommen auszuwachsen, verfallen diese Zellen nach kürzester Zeit demTode, wenn ihnen nicht die Gelegenheit geboten ist mit einander zu ver-schmelzen. Erst wenn die eine (die weibliche) Zelle den Inhalt der anderen(der männlichen) Zelle völlig in sich aufgenommen und sich damit verbundenhat, wird sie entwickelungsfähig und beginnt wachsend einen Nachkommen