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Lehrbuch der Botanik für Hochschulen : mit 667 Abb.
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Noll:

Das Protoplasma selbst ist zu verschiedenen Bewegungsformen be-fähigt, sei es, dass es frei ohne Zellmembran auftritt, sei es, dass es ineiner Membranhtille eingeschlossen ist. Nackte Plasmakörper zeigen faststets langsame Bewegungen, aber auch behäutete Zellen besitzen dasVermögender freien Orts Veränderung oft in hohem Grade. Viel-zellige höhere und niedere Pflanzen befestigen sich jedoch meist am Orteihrer Keimung dauernd durch Wurzeln und andere Haftorgane und ver-zichten damit ein für allemal auf einen Ortswechsel, so weit er nicht durchBewegungen beim Wachsthum ermöglicht ist. Eine solche Ortsverände-rung durch Zuwachs kommt aber in besonders auffälliger Weise beidenjenigen Gewächsen zu Stande, deren Bhizonie oder kletternde Stengelmit der Gipfelknospe in einer Eichtung weiter wachsen und deren ältereTheile dabei hinten absterben. Verlängert sich ein Bhizom vorn mit jedemJahr um ein Stück von durchschnittlich 5 cm, dann wird die Pflanze imLaufe von 20 Jahren um einen Meter von ihrem früheren Standort fort-gerückt sein. Wie bereits S. 180 erwähnt, können die Keimlinge von Cus-cuta auf der Suche nach Nährpflanzen in dieser Weise eine kurze Streckeüber den Boden hinkriechen, und ähnlich, wenn auch langsamer, durch-wandert eine wachsende Caulerpa (Fig. 251) im Laufe der Jahre ihr Wohn-gebiet. Ausser dieser Bewegung durch Zuwachs besitzen festsitzende Pflanzenaber sehr allgemein noch das Vermögen, die Lage und Eichtung ihrer Organedurch Krümmungen und Drehungen zu verändern. Durch solche Krüm-mungen werden die Pflanzentheile in Stellungen gebracht, die für ihre Functionnothwendig oder vortheilhaft sind; so werden die Stengel nach oben, dieWurzeln nach unten, die Blätter mit der Oberseite nach dem Lichte hingerichtet; Schlingpflanzen und Eanken umfassen die tragenden Stützen undder Stengel der jungen Keimpflanze wird so gebogen, dass er ohne Ver-letzung der jungen Blättchen das feste Erdreich durchbrechen kann.

Nach diesem Ueberblick über die im Pflanzenreich auftretenden häu-figsten Bewegungsformen seien zunächst eingehender betrachtet die

Bewegungen freier Protoplasten und Einzelzellen.

Die amöboide Bewegung freier Protoplasten ist eine kriechende Be-wegung, bei welcher der nackte Plasmakörper der Amöben und Plasmodieneinzelne Fortsätze nach einer oder mehreren Seiten austreibt; diesen folgtentweder alsbald der ganze Plasmaleib in fliessender Bewegung nach odersie werden wieder eingezogen (Fig. 198). Die Bewegung erinnert äusserlichan das Fliessen eines zähen Flüssigkeitstropfens auf nicht benetzter Unter-lage. Die Arbeit der Bewegung wird nach Berthold vornehmlich von Ober-flächenspannungen geleistet, welche das reizbare Plasma local erhöhen oderherabsetzen kann. (Durch locale Aenderung der Oberflächenspannungen tretenauch bei Tropfen lebloser Substanzen ähnliche amöboide Bewegungen auf.)

Die Cilienbewegung ist eine Schwimmbewegung, bei welcher nichtder ganze Plasmakörper die Bewegung ausfuhrt. Er besitzt vielmehr eigene,nur einen sehr kleinen Theil seiner Masse ausmachende Bewegungsorganein Gestalt äusserst feiner, oft bei stärkster Vergrösserung kaum wahrnehm-barer Fädchen. Diese, mit dem Plasma zusammenhängenden „Geis sc In"oder „Cilien" sind zu 1, 2, 4 oder sehr zahlreich und in verschiedenerAnordnung vorhanden (Fig. 90 u. 97). Sie bewegen sich sehr energisch imWasser und treiben den Plasmaleib oft mit ansehnlicher Geschwindigkeitfort, meist derart, dass sie ihn zugleich in drehender Bewegung erhalten.(Der Weg der flinksten Schwärmsporen beträgt in der Secunde das zwei-