Strasburgs:
Die Vorstellung, dass die Welt der höher organisirten Wesen sich lang-sam aus einfacheren entwickelt habe, reicht bis auf die griechische Philo-sophie zurück; eine wissenschaftliche Begründung erhielt sie erst in diesemJahrhundert. Besonders war Charles Darwin ( 3 ) bemüht, sie auf eine cau-sale Grundlage zu stellen; durch seine Werke ist endgültig der Glaube andie Unveränderlichkeit der Arten erschüttert worden.
Charles Darwin ist der Urheber der sogen. Selectionstheorie. Erging von der Variabilität der lebenden Wesen aus, von der Erscheinung,dass die Kinder eines Elternpaares weder diesem, noch einander völliggleichen. Er verwerthete für seine Theorie die bestehende Ueberproductimider Keime, die zu einer Zerstörung der meisten derselben führen muss.Denn wenn alle von jedem Elternpaar erzeugten Keime zur Entfaltungkämen, so würden sie nach einer begrenzten Anzahl von Generationen fürsich schon den Erdball füllen. Da weniger Platz vorhanden ist als Be-werber um ihn, so besteht ein ununterbrochener Kampf unter den einzelnenIndividuen, in welchem diejenigen siegen, die im Vortheil gegen die Andernsind: daher die Annahme eines „Kampfes um's Dasein" unter den Organismen.Dieser Kampf sei ein züchtendes Princip, das unter den durch individuelleVariabilität neu auftretenden Eigenschaften eine Auswahl treffe und solchendie Erhaltung sichere, die sich unter den gegebenen Bedingungen als besondersvortheilhaft erweisen. So kam Charles Darwin zu der Vorstellung einer„natürlichen Zuchtwahl", welche den Kern seiner Theorie bildet. Neuauftretende Eigenschaften müssen aber erblich sein, sollen sie zu dauerndenMerkmalen kommender Generationen werden. Ihre Erblichkeit suchteCharles Darwin durch die Erfahrungen der künstlichen Züchtung zu stützen.Der Züchter geht zielbewusst zu Werke und wählt solche Individuen zurNachzucht aus, welche die ihm erwünschten Eigenschaften aufweisen. Sozüchtete er die llausthiere und Culturpflanzen, welche jetzt den Menschenumgeben. Vielfach weichen solche Wesen von ihren wilden Ursprungs-formen so bedeutend ab, dass es kaum mehr gelingt, diese zu ermitteln.In gleicher Weise wie die künstliche Zuchtwahl, jedoch unbewusst, soll dienatürliche wirken und durch fortgesetzte Auswahl individueller Eigen-schaften, welche vererbt und daher den früheren hinzugefügt werden, neueGestalten schaffen, die von der Ursprungsform schliesslich stark abweichen.Die dauernde Auswahl der vortheilhaftesten Abweichungen müsse aber zurAusbildung solcher Wesen führen, welche den gegebenen Bedingungen inhohem Maasse angepasst seien. So leitet die Selectionstheorie aus natür-lichen Ursachen die Zweckmässigkeit ab, die uns im Bau und in den Ver-richtungen der lebenden Wesen auffällt. Dass Uebergangsformen, wie siedie phylogenetische Entstehung fordert, zwischen den lebenden Wesenfehlen, sucht die Selectionstheorie aus dem Wettbewerb zu erklären, derzwischen sehr ähnlichen Wesen am stärksten ist. Denn ähnliche Wesenhaben übereinstimmende Bedürfnisse, so dass besser ausgerüstete neueFormen ihrer Ursprungsform bald die Existenzbedingungen rauben und meistihre Vernichtung veranlassen müssen.
Die grosse Bedeutung der natürlichen Zuchtwahl für die Ausbildungder organischen Welt haben die meisten Naturforscher seitdem anerkannt,andererseits aber auch hervorgehoben, dass sie nicht alle Erscheinungen derphylogenetischen Entwicklung zu erklären vermag. Im Besonderen wurdeoft darauf hingewiesen, dass viele Organe erst bei weit fortgeschrittenerphylogenetischer Ausbildung ihre Functionsfähigkeit erlangen konnten, ihrevorausgehende Förderung durch natürliche Zuchtwahl daher unbegreiflichsei. So kam man dahin, auch eine in bestimmten Bichtuugen fortschreitende
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