Druckschrift 
Geschichte der organischen Chemie von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
491
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Das Valenzproblem.

491

ausgedrückt werden konnte. Die Strukturchemie und die Stereo-chemie gaben ihnen eine völlig befriedigende Erklärung. Jetztsprechen wir wieder von einem „feineren Bau" gewisser Verbin-dungen, der jenseits des Ausdrucksvermögens unserer Struktur-und stereochemischen Formeln liegt. Es ist'vor allem das Studiumder ungesättigten und der aromatischen Verbindungen und spe-ziell der Farbstoffe, welches zur Einsicht geführt hat, daß diestruktur- und stereochemischen Anschauungsweisen unzulänglichsind, um hier ein zutreffendes Bild der inneren Zusammensetzungs-verhältnisse geben zu können. Und diese Unzulänglichkeit be-ruht offenbar auf der herkömmlichen formalen Valenzauffassung,welche mit ihrer Zerlegung der Affinität in bestimmte Affinitäts-einheiten nur auf eine schematische, unvollständige Weise dieVerhältnisse bei der Bindung der Atome widerspiegelt. EineVeränderung in dieser Vorstellungsweise und eine tiefere Einsichtin das Wesen und Wirken der Valenz steht zweifelsohne bevor.Wir können hier auf diese Frage, welche sich auf die allgemeinetheoretische Chemie bezieht, nicht näher eingehen. Die Anregunggab Werner, der im Jahre 1891 eine neue Auffassung über dieValenz entwickelte, nach welcher diese keine konstante, in Teilenwirksame Kraft ist, sondern nach der sich die Atome nach Maß-gabe ihrer räumlichen und verwandtschaftlichen Verhältnisse gegen-seitig in die Affinitätskraft teilen. Die entstehenden Verbindungenerster Ordnung, welche nach der älteren strukturchemischen Auf-fassung gesättigte Verbindungen sind, besitzen noch Affinität zurReaktion mit anderen Molekülen. Werner führte die Begriffeder „Hauptvalenzen", welche unseren gewöhnlichen Valenzen ent-sprechen, und die der „Nebenvalenzen" ein, welche sich durcheinen verschiedenen Energieinhalt (graduell) unterscheiden, jedochprinzipiell nicht verschiedenartig sind. Die Zahl der Haupt-valenzen ist nicht unveränderlich, sondern von der Natur dersich verbindenden Atome abhängig. Es gibt nur eine von denmiteinander konkurrierenden Bindemöglichkeiten der Atome be-dingte Maximalvalenzzahl. Diese Ansichten sind später vonWerner, Bloch u. a. weiterentwickelt worden, wobei Wernerspeziell auf die wichtige Rolle der Nebenvalenzen, auch in bezugauf die Kohlenstoffverbindungen, hingewiesen hat. Die graduellenUnterschiede zwischen den Haupt- und Nebenvalenzen erblicktWerner, wie er in seinem Nobelvortrag (1913) äußert, darin,„daß der wechselnde Affinitätsbetrag, welcher einer Hauptvalenzentspricht, so groß ist, daß er genügt, um ein Elektron zu