440 Weitere Bestätigung d. Lehre vom asymmetrischen Kohlenstoffatom.
Einer systematischen Untersuchung im großen Stil ward dieTheorie unterzogen, als E. Fischer seine schon in einem anderenZusammenhang erwähnten, berühmten Synthesen in der Zucker-gruppe ausführte. Sie bildeten gewissermaßen das Experimentumcrucis für die Lehre vom asymmetrischen Kohlenstoffatom undhaben es glänzend bestanden. Theorie und Experiment habensich hier in erstaunlichster Weise gedeckt. Es gelang Fischer,die Konfiguration der zahlreichen Zuckerarten und ihre Beziehungenzueinander festzustellen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. „Inihrem Umfange und ihrer Bedeutung werden diese Untersuchungennicht nur für die synthetische, sondern auch für die Stereochemieeine bleibende Zierde."
Auch bei der Erforschung anderer Gebiete bewies die Lehrevom asymmetrischen Kohlenstoffatom ihre befruchtende Macht 1 ),so vor allem beim Studium der Terpene und Campherarten.Hierfür legen die Arbeiten von Wallach, Tiemann, Semmler,Wagner, Baeyer, Bredt, Aschan, Tilden, Kipping, Beck-mann, Perkin jun., Haworth, Bertram und Gildemeisterein vollgültiges Zeugnis ab. Es mag hier noch erwähnt werden,daß Baeyer bei diesen Untersuchungen auf Tatsachen stieß, dieim Widerspruch mit der Theorie zu stehen schienen und ihn zuder Behauptung veranlaßte, „daß das Drehungsvermögen auf diesemGebiete nicht der Leitstern des Chemikers sein kann, sonderndaß umgekehrt die Molekularphysiker ihre Theorien nach denResultaten des Chemikers gestalten müssen". Die Haltlosigkeitdieser Behauptung, die sich auf eine irrtümliche Auffassung derKonstitution des Limonens gründete, wurde aber kurz nachhervon Wagner sowie auch von Tiemann und Semmler nach-gewiesen.
Es gab jedoch immerhin Verbindungen, bei denen man nichtdie von der Theorie geforderte Spaltbarkeit nachweisen konnte.Dies war z. B. der Fall mit den zahlreichen symmetrischen dialkyl-substituierten Bernsteinsäuren, Glutarsäuren und Pimelinsäuren,die am Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre vonBischoff, Hjelt, Zelinsky, Auwers u. a. dargestellt wordenwaren und die immer in zwei Formen auftraten. Die eine müßteracemisch konstituiert sein, aber die Spaltungsversuche warenvergeblich. Erst in neuester Zeit ist diese Zerlegung gelungen(Noyes, 1910, Werner und Basyrin, 1913).
1 ) Vgl. Waiden, Fünfundzwanzig Jahre stereochemischer Forschung.(Naturw. Rundschau 1900, S. 145, 157, 169, 185, 197.)