Druckschrift 
Geschichte der organischen Chemie von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
238
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

238

Wertschätzung der Typentheorie.

\

System nicht beschieden, im ehrlichen Kampfe der Ideen zu unter-liegen; sein Ende war ein ruhmloseres, es wurde von seineneigenen Anhängern meuchlings über Bord geworfen. Aber auchdas geschah nicht in der löblichen Absicht, zu einer gereinigtenAuffassung zurückzukehren; nein! es geschah, um einem neuenWahngebilde nachzujagen: der Idee von der konstanten Valenz" 1 ).Eine richtige historische Wertschätzung erhielt die Typentheoriedurch folgende Beurteilung Gorup-Besanez' 2 ): „Man hat dieTypentheorie eine Verirrung genannt und ihr, wie sie allmählichyon ihren Anhängern verlassen wurde, allen Wert abgesprochen.Beide Vorwürfe scheinen zu weit zu gehen. Auch ihre Gegnerwerden nicht leugnen können, daß sie schöne Entdeckungen ver-mittelte, und wenn sie anderen Anschauungen und Theorienweichen mußte, so war dies Los ihren Vorgängerinnen ebenfallsnicht erspart geblieben und wird ihren Erben gewißlich ebenso-wenig erspart bleiben. In einer so rasch fortschreitenden, nochin jugendlichem Wachstum begriffenen Doktrin, wie es die orga-nische Chemie ist, dürfte dies noch auf lange hinaus das Schicksalaller Theorien sein. Sie sind Kinder ihrer Zeit. Über ihre Zeithinaus werden sie zum Prokrustesbette."

Die jetzt folgenden Jahre, von 1858 bis Mitte der sechziger,waren von einem starken Interesse für die Theorie der orga-nischen Verbindungen erfüllt. Es war eine spannende Übergangs-zeit, eine packende Episode in der Geschichte der organischenChemie. Sie führte von den unitarischen Theorien Gerhardtszu den Ansichten Kekules und Coupers und zum Siege der„modernen" Chemie, der Strukturchemie.

Die Sättigungskapazität der Atome — die neu gewonnene Er-oberung der Chemie — gab den Schlüssel zu einer einheitlichenErklärung der scheinbar verwickelten Zusammensetzungsverhält-nisse der organischen Verbindungen, und es war Kekule, dersich zuerst des neuen Ausgangspunktes für diesbezügliche theo-retische Betrachtungen bediente.

Man war früher bei den Versuchen, einen rationellen Aus-druck für die Zusammensetzung der Verbindungen zu finden, bei

x ) Wittstein veröffentlichte im Jahre 1862 eine „Widerlegung derTypentheorie", in der diese Lehre, „welche ein phantasiereicher, ehrgeizigerFranzose ausgesonnen und der damit einen wahren Fischfang Petri gemachthat", in geringschätzigster Weise beurteilt und die merkwürdige Behauptungausgesprochen wird, daß die Chemie in den vergangenen 15 Jahren einenvollkommenen Stillstand aufzuweisen hat.

2 ) Lehrbuch der organischen Chemie, S. 24. Braunschweig 1S73.