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Organische Synthese.
„In der Tat hat man", setzt Gerhardt fort, „niemals aus demHarnstoff die Harnsäure, aus dem Spiraeaöl das Salicin, aus demAlkohol den Zucker, aus dem Holzgeist oder der brenzlichenHolzsäure die Holzfaser oder das Holz selbst erzeugt. In dieserHinsicht war die Chemie ganz ohnmächtig und wird, wenn meineVermutungen richtig sind, es immer sein.-------Ich sage es noch-mals, die chemischen Kräfte sind der Lebenskraft entgegengesetzt.Der Chemiker macht daher ganz das Gegenteil von der lebendenNatur, er verbrennt, er zerstört, er operiert durch Analyse. DieLebenskraft allein operiert durch Synthese, sie führt das von denchemischen Kräften niedergerissene Gebäude wieder auf." DieErfahrung konnte bald die Behauptungen Gerhardts widerlegen.Z. B. die Synthese der Hippursäure aus Benzoesäure und Glyko-koll, welche Operation nach Gerhardts Meinung nur im Organis-mus stattfinden konnte, wurde von Dessaignes (1853) durchZusammenbringen der Zinkverbindung des Glykokolls mit Benzoyl-chlorid durchgeführt. Schon vorher hatten Pelouze und Gelisdas erste Fett aus Glycerin und Buttersäure bereitet. Gerhardthat auch später seine diesbezüglichen Ansichten modifiziert. „Dienatürlichen Verbindungen und die künstlichen Produkte unsererLaboratorien sind die Glieder derselben Kette, welche dieselbenGesetze zusammenhalten, wie dies genügend die zahlreichen künst-lichen Bildungen, die wir der modernen Wissenschaft verdanken,beweisen", äußerte er in seinem Traite de Chimie organique (1853).
Solche Vorstellungen wie die von Gerhardt in den vierzigerJahren gehuldigten waren keineswegs nur die Frucht einer natur-philosophischen Anschauungsweise, sondern hingen damit zusammen,daß die organische Chemie, wie stark sie sich auch entwickelthatte, bis dahin auf fast rein analytischem Wege fortgeschrittenwar, indem sie sich mit den Gesetzen der zahllosen Umformungenbeschäftigte, welche die durch die lebenden Wesen gebildetenSubstanzen durch Agenzien erleiden. Man konnte vom Stärke-mehl zum Zucker gelangen, dann zum Alkohol, zum ölbildendenGase, endlich zum Wasser und zur Kohlensäure. Eine solcheKeihe von successiven Zerlegungen ließ sich in ähnlichen Phasenin Beziehung auf alle aus lebenden Wesen gewonnenen Körperwiederholen. Die Beispiele der Synthese dagegen waren selten,einzeln und wenig fruchtbar. Kein Alkohol war aus den Kohlen-wasserstoffen, kein Kohlenwasserstoff aus den Elementen dar-gestellt worden. Erst nachdem die synthetische Kichtung auchin der organischen Chemie zur Geltung kam und Erfolge erzielte,