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1 (1863) Lehrbuch der anorganischen Chemie : mit Einschluss der experimentellen Technik
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65
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Krystallisation. 65

einen anderen Stoff entzieht. Gyps z. B. in Wasser aufgelöst, scheidetsich in Krystallen aus, wenn man der Lösung Weingeist zusetzt, in demder Gyps unlöslich ist, und der das Lösungsmittel: das Wasser, entzieht.

Wenn ein Theil eines festen, in einer Flüssigkeit gelöst gewesenen MutterlausKörpers aus selber zum Theil oder ganz herauskrystallisirt, so bleibt eine päations- 6Flüssigkeit zurück, die die Mutterlauge genannt wird. Aus dieser wasser -kann, wenn nicht die ganze Menge des Körpers auskrystallisirt ist, durchweiteres Verdunsten eine abermalige Krystallisation, unter Umständeneine dritte u. s. w., erhalten werden. Von dieser Flüssigkeit, der Mut-terlauge, werden aber häufig, namentlich wenn das Krystallisiren rascherfolgt, in den Krystallen selbst veränderliche Mengen eingeschlossen;dieses in den Krystallen mechanisch eingeschlossene Wasser heisst Zer-knisterungs- oder Decrepitationswasser, und ist Ursache, dassderartige Krystalle beim Erhitzen zerknistern oder decrepitiren, d. h.durch die sich entwickelnden Wasserdämpfe zersprengt werden. Von demmechanisch eingeschlossenen Wasser ist das Krystallwasser wohl zuunterscheiden, welches mit dem krystallisirenden Körper im Momente sei-ner Ausscheidung sich chemisch verbindet, und von dem weiter untenausführlicher die Kede sein wird.

Eine allgemeine Regel bei der Krystallisation ist es, dass, je lang-samer dieselbe stattfindet, je langsamer der flüssig gemachte Stoff in denfesten Aggregatzustand zurückkehrt, und je ruhiger die Flüssigkeit steht,desto grössere und deutlichere Krystalle sich bilden. Je schneller mandagegen erkaltet, oder das Lösungsmittel entzieht, und je mehr dieFlüssigkeit bewegt wird, desto mehr aber undeutlichere und kleinere bil- Gestörteden sich: gestörte Krystallisation. tion? *

Jede Krystallbildung ist mit Wärmeentwickelung verbunden, in ein-zelnen Fällen auch mit Lichtentwickelung.

Die bei chemischen Grundstoffen und Verbindungen beobachtetenKrystallformen sind ausserordentlich mannigfaltig, sie gehen in die Tau-sende. Alle diese Formen aber lassen sich auf wenige Grundformen undGruppen, auf sogenannte Krys tallsysteme, zurückführen, deren nähereEntwiekelung den Gegenstand der Krystallographie ausmacht.

Das gegenwärtig so ziemlich allgemein angenommene System fasst KryataUsy-sämmtliche Krystallformen in sechs Hauptgruppen oder Krystall-systeme zusammen, indem es dabei von dem Verhältnisse der Linear-dimensionen der Krystalle, der Axen, ausgeht. In jeder Gruppe lassensich nach diesen Principien alle Formen auf gewisse Grundgestalten zu-rückführen. Die Krystalle werden begrenzt von Ebenen oder Flächen.Durch die Vereinigung zweier Flächen unter einem Winkel entsteht eineKante, durch Zusammentreten von drei oder mehreren Flächen in einemPunkte entsteht eine Ecke. Unter Axen versteht man bei Krystallendie geraden Linien, welche man sich von einer Ecke oder von der Mitteeiner Fläche oder Kante durch den Krystallmittelpunkt nach den gegen-überstehenden gleichnamigen Theilen gezogen denkt.

v. Gorup-Besanez, Anorganische Chemie. 5