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2 (1876) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
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Tastsinn und Gemeingefuhl.

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die Eindrücke zwar zum Centralorgan fortgeleitet, aber dort nicht zurhinreichenden Höhe angesammelt worden wären, oder dass sie nicht starkgenug waren, um zu den wärmeempfindenden Gentren fortgepflanzt zuwerden.

Man kann endlich bisweilen die Beobachtung machen, dass durchTemperatursreize und durch mechanische Reize verschiedene Reflexe aus-gelöst werden. Ich habe vor nicht langer Zeit einen interessanten Falldieser Art gesehen. Dr. Tschatschkin aus Odessa war hier im Labora-torium mit Versuchen über Wärmeregulirang beschäftigt. Er durchschnittzu diesem Zwecke Kaninchen den Hirnstamm mittelst eines Schnittes durchdie Varolsbriicke. Als ich eines Tages ins Laboratorium kam, fand icheines seiner Thiere liegend mit eigenthümlichcn Gehbewegungen, wie siediese Thiere häufig zeigten. Die Thiere lagen auf der Seite, machten aberin ganz regelmässigem Tempo Bewegungen mit den Extremitäten, wiebeim Gehen. Ich fasste das Thier an einer Extremität an und drücktesie etwas zusammen. Augenblicklieh hörten die Gehbewegungen auf, unddas Thier lag vollkommen still. Ich Hess das Bein los, es setzte sich wiederin Bewegung. Ich nahm eine Hautfalte und drückte sie in derselbenWeise wie früher das Bein, das Thier lag vollkommen still. Ich liess siewieder los, das Thier setzte sich wieder in Bewegung. Ich nahm einesder Ohren und drückte es zwischen den Fingern; das Thier lag wiedervollkommen still, und als ich das Ohr loslioss, setzte es sich wieder inBewegung. Ich konnte diese Versuche, so oft ich wollte, wiederholen, dasResultat war immer dasselbe. Es war durch eine Erregung, die zumCentralorgan fortgepflanzt worden war, eine Reflexhemmung entstanden,es waren motorische Impulse, die sonst die Bewegung ausgelöst hätten,gehemmt worden. Nun machte ich in einem Reagirglase Wasser siedendund versuchte, ob ich dadurch, dass ich durch das siedende Wasser einenSchmerz erzeugte, die Gehbewegungen stillstellen könne. Aber dies warvollkommen wirkungslos. Das Thier machte einige Bewegungen, als ob essich dem Reize entziehen wollte, aber die Gehbewegungen dauerton fort.Als ich endlich das Glas mit heissom Wasser an die Ohrmuschel brachte,fing das Thier heftig zu schreien an; aber es machte seine Gohbewe-gungen nach wie vor. Es waren also hier durch einen mechanischen Reizund andererseits durch einen Temporatursreiz ganz verschiedene Reflexeausgelöst, das eine Mal eine Hemmung, das andere Mal Reflexbewegung,Schreien.

Ich muss jedoch hinzufügen, dass man aus der Verschiedenheit derReflexe noch nicht mit Sicherheit auf besondere Nerven für die Tempera-tursempfindungen schliessen kann. Wir haben vorher gesehen, dass es imhohen Grade wahrscheinlich ist, dass die Empfindung dos Kitzeins unddie Schmerzompfindung von einer und derselben Art von Hautnerven ver-mittelt wird. Wenn Sic nun aber ein Individuum unter den Fusssohlenkitzeln, dann bringen Sic es zum Lachen, wenn Sie ihm aber die Basto-nade auf die Fusssohlen geben, so werden Sic dadurch eine ganz andereReflexbewegung hervorrufen, nämlich das Schreien. Obgleich es sich hierhöchst wahrscheinlich um dieselben Nerven handelt, so werden dochverschiedene Reflexe ausgelöst.

Wir stehen also in Rücksicht auf die Temperatursnerven, wie inRücksicht auf die Nerven des Gemeingefühls überhaupt noch im Zweifel.

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