Druckschrift 
Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
Entstehung
Seite
100
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

100

Siebente Vorlesung.

Stande sein, die aus dem Eiweiss hervorgehende Schwefelsäure ohneZufuhr anorganischer Basen zu sättigen etwa durch eine un-schädliche organische Base wie das Cholin. Aber selbst dannwäre die Frage wahrscheinlich nicht zu entscheiden, weil es nichtin unserer Macht steht, die Base dorthin gelangen zu lassen, wo diefreie Schwefelsäure auftritt, oder weil die mit der künstlich ein-geführten Base gebildeten schwefelsauren Salze normale Salze ausden Geweben verdrängen (vgl. unten S. 101). Die Frage erscheintalso vorläufig unlösbar.

Nur eines der anorganischen Salze möchte ich noch einer ein-gehenderen Betrachtung unterziehen, weil dasselbe eine Ausnahme-stellung einnimmt. Es ist das Kochsalz.

Es ist eine sehr auffallende Thatsache, dass unter allen anor-ganischen Salzen unseres Körpers wir nur eines der anorganischenNatur entnehmen und zu unseren organischen Nahrungsmitteln hinzu-fügen das Kochsalz. Von allen übrigen Salzen genügen uns diejenigenMengen, welche in unseren organischen Nahrungsmitteln bereits ent-halten sind. Wir brauchen für dieselben niemals zu sorgen. Ver-schaffen wir uns die organischen Nahrungsstoffe, so bekommen wirdie anorganischen Salze mit in den Kauf. Nur das Kochsalz machteine Ausnahme. Diese Ausnahme ist um so auffallender, als unsereNahrung keineswegs arm ist an Kochsalz. Alle vegetabilischen undanimalischen Nahrungsmittel enthalten ganz bedeutende Mengen Chlorund Natron. Warum genügen uns diese Mengen nicht? Warum greifenwir zum Steinsalz?

Bei den früheren Versuchen zur Beantwortung dieser Frage wareine Thatsache ganz unberücksichtigt geblieben, welche mir sehr ge-eignet erscheint, uns der richtigen Lösung auf die Spur zu bringen.')Ich meine die Thatsache, dass unter den Thieren das Verlangen nacheinem Salzzusatz zur Nahrung nur an Pflanzenfressern beobachtetwird, niemals an Fleischfressern. Unsere carnivoren Haussäugethiere,die Katze und der Hund, ziehen ungesalzene Speisen den gesalzenenvor und legen gegen stark gesalzene Speisen entschiedenen Wider-willen an den Tag, während die herbivoren Hausthiere bekanntlichsehr begierig nach Salz sind. Dasselbe wird auch an wildlebendenThieren beobachtet. Es ist ja bekannt, dass die wildlebenden Wieder-käuer und Einhufer salzhaltige Felsen und Pfützen, Salzefflorescen-zen u. s. w. aufsuchen, um das Salz zu lecken, und dass Jäger ihnenan solchen Orten auflauern oder Salz ausstellen, um sie anzulocken.Dieses wird übereinstimmend in zahlreichen Keiseberichten von den

1) G. Bunge, Zeitschr. f. Biol. Bd. 9. S. 104. 1873 u. Bd. 10. S. 110 u. 295.1874.