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Vorträge über die Entwicklungsgeschichte der Chemie von Lavoisier bis zur Gegenwart
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Neunte Vorlesung.

Liebig's experimentelle Untersuchungen erstrecken sich aufdie Knallsäure, Cyanursäure, Mekonsäure, Komensäure, Weinsäure,Äpfelsäure, Citronensäure usw. Bei allen diesen Verbindungenfindet er in den Salzen Verhältnisse, welche denen der Phosphor-s äure ähnlich sind. Namentlich aber sucht er die drei Cyansäuren,d. h. Cyansäure, Knallsäure s ) und Cyanursäure, den drei Phosphor-säuren an die Seite zu stellen. Hier wie dort ist nach ihm eineAtomgruppe vorhanden, welche die Fähigkeit hat, bald 1, bald2, bald 3 Atome Basis zu sättigen. Während sich aber bei dereinen das Atomgewicht nicht verändert, nimmt dieses bei deranderen im Verhältnis der Sättigungskapazitäten zu, so daßdie entstehenden Salze untereinander polymer sind. Im letzterenFalle bleibt also der Quotient aus der Sauerstoffmenge von Basisin Säure unverändert, während solches nach Graham bei denVarietäten der Phosphorsäure nicht der Fall ist.

Lieb ig schreibt:3MO.P 2 0 B Phosphorsaures Salz 3MOCy 6 0 3 Cyanursaures Salz2MO.P 2 0 6 Pyrophosphors. Salz 2MOCy 4 0 2 Knallsaures SalzMO.P 2 0 5 Metaphosphors. Salz MOCy 2 0 Cyansaures Salz

Ungleich wichtiger sind die Erörterungen Liebig's, welcheihn dazu führen, eine Trennung zwischen Säuren, die sich derPhosphorsäure analog verhalten, und den übrigen vorzuschlagen.Sein Gedankengang ist hier ungefähr folgender: Nicht bei allenSäuren, welche mit der Phosphorsäure die charakteristische Eigen-schaft teilen, durch 1 Atom mehrere Atome Basis zu neutrali-sieren, sind die Verhältnisse so kompliziert wie bei der letzteren,und es ist daher nicht bei allen so leicht nachzuweisen, daß sie indiese Kategorie gehören. Bei der Phosphorsäure mag man dasAtomgewicht wählen, wie man will, niemals wird man erreichenkönnen, daß in den drei verschiedenen Modifikationen 1 AtomSäure 1 Atom Basis sättigt 10 ). Welches sind nun die Merkmale,die uns erkennen lassen, daß wir es mit einem Körper dieserGruppe zu tun haben?

9 ) Liebig gibt der Knallsäure die Formel 2 H 2 0 . Cy„ 0 2 (H = 1, C = 12,0 = 16). — I0 ) Unter Säure ist hier wie in den vorhergehenden Entwick-lungen das Anhydrid zu verstehen.