Erste Vorlesung. 9
nähme des ausgeschiedenen Phlogistons, das nach ihnen auseinem Körper nicht entweichen kann, wenn es nicht einen anderenvorfindet, mit dem es sich verbindet. In der Mitte des 18. Jahr-hunderts taucht dann die Ansicht auf, das Phlogiston seinegativ schwer, es sei absolut leicht. Für die Vertreter dieserHypothese ist es natürlich, daß bei der Ausscheidung des Phlogi-st ons das Gewicht vermehrt wird. Wieder andere, denen das ab-solut Leichte schwer zu denken ist, halten das Phlogiston fürleichter als Luft, eine Ansicht, die namentlich von Guyton°-e Morveau vertreten wird 9 ). Seine Erklärung der Gewichts-vermehrung basiert auf dem Archimedischen Prinzip und sprichtnicht gerade zugunsten der klaren Vorstellungsweise diesesberühmten Chemikers. Er sagt"): „Bringen wir zwei ungefährgleich schwere Bleikugeln unter Wasser an einer Wage ins Gleich-gewicht und hängen dann an die eine Schale ein Stück Kork,einen Gegenstand, der leichter ist als Wasser, so wird diese Blei-kugel in die Höhe steigen; sie wird also scheinbar leichter, ob-gleich wir ihr Gewicht offenbar vermehrt haben. Ähnliches gilt°ei der Verbrennung; hier wiegen wir in Luft; das Metall, dieVerbindung des Metallkalkes mit Phlogiston, erscheint leichtera ls der Kalk, weil das Phlogiston gerade wie der Kork spezifischleichter als das Medium ist, in dem wir wiegen." — Ich kannbei Ihnen voraussetzen, daß Sie das Falsche der Betrachtungs-weise erfassen und in dieser Beziehung sind Sie jedenfalls demeruhmten Mac quer voraus, der dieser Erklärung seine Be-wunderung nicht versagen konnte. — Schon Boyle hatte beob-achtet, daß die Metallkalke spezifisch leichter sind als die Metalle,darauf nimmt Guy ton keine Rücksicht!
Wie Sie bemerkt, habe ich mich nicht gescheut, die Wider-pruche in der Phlogistontheorie, ihre Schwächen gegenüber einermigermaßen haltbaren Erklärung der Gewichtsvermehrung beier Verbrennung hervorzuheben. Trotz dieser unklaren Vor-ellungen, welche die Grundlage der chemischen Ansichten jenereit bildeten, waren unter den Phlogistikern Männer, die an
9 ) Kopp, Gesch. d. Chem. III, 150. — ,0 ) Ibid. III, 149.