254 III. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages.
Oesterreichs die Verheißung constitutionaler Zustände gebracht hatte,durch die Erfüllung derselben zu feiern? Würden sie sich mit wenigerzufrieden geben, mit militairischen Aufzügen und kirchlichem Pomp, mitparlamentarischen Expectorationen eines Rieger und Borrosch, eines Leo-pold Neumann und Balthasar Szäbel, eines Schuselka und Fischhof?Mehr konnte der Reichstag im regelmäßigen Laufe der Dinge bis zujenem Tage gewiß nicht leisten! Wie aber wenn die Regierung damitumginge das zu thun was die Abgeordneten zu vollenden noch so weitvom Ziele standen? sie heimzuschicken und mit einer selbstgeschaffenenCharte hervorzutreten? Die Sanguiniker widersprachen mit Eifer daß soetwas im Bereich der Möglichkeit liege, einzelne wollten „aus guterQuelle" wissen daß das Ministerium mindestens für jetzt einen solchenSchritt nicht beabsichtige^). Allein die Schwarzseher wollten als „guteQuelle" Worte lind Versicherungen nicht gelten lassen, wo zu laut That-sachen sprächen. Nach jenem unglücklichen 8. Januar waren an vierzehnunter ncunnndzwanzig Sitzungstageu die Minister-Sitze ganz leer ge-wesen; am 26. Februar zählte man nicht weniger als ein Viertelhundertunbeantworteter Interpellationen, und fast in jeder Sitzung kamen neuedazu die gleich ihren Vorläufern einem ungewissen Schicksal ent-gegensnhen.
Die Hoffer wurden nachgerade von den Zweiflern angesteckt. EinGefühl der Unbehaglichkeit gab der Versammlung keine Ruhe. Einzelnetraten aus, weil sie das ungewisse Spiel satt hatten und zu ihrersicheren Lebensstellung zurückkehren wollten, wie der Schriftsteller Ne-beM zziel wurde von einer Verlegung des Reichstages, selbst ausGesundheitsrücksichten, an einen andern Ort gesprochen, es sollte sogarein Antrag in diesem Sinne gestellt werden^«). Da Wien wegen desBelagerungszustandes für den Augenblick unmöglich war, wurden BrünnLinz Grätz, und vor allem Prag genannt. Von jenen die sich mit einerVerstärkung durch Abgeordnete aus den Ländern der St. Stephaus-Kroneschmeichelten wurde Presburg in Aussicht genommen.
Aber durfte eine solche Gunst eine Versammlung erwarten in derenMitte so viele Abgeordnete saßen die den ernstlichsten Verwicklungen mitden Strafgerichten cntgegensahen? Eine große Anzahl hatte, wie wirgesehen haben*), ihre vermeintliche Unverletzlichkeit auch außerhalb des
*) S. oben S. 39—42.