Siebentes Buch.
Erstes Kapitel.
Allgemeine Bcmclkuugeu über die Freundschaft; verschiedene AnsichtenUber dieselbe sowohl bei den Philosophen, als im gewöhnlichen Leben.
Auf die Freuildschust haben wir so genau einzugehen, alsauf irgend eine Frage über das, was in sittlicher Beziehung schönund wünscheuswerth ist. Die verschiedenen Punkte, welche dabeizur Sprache kommen, sind das Wesen und die Beschaffenheit derFreundschaft, das Wesen des Freundes, die Frage, ob der Be-griff der Freundschaft in Einem oder in mehrfachem Sinn zuverstehen ist, und wenn das letztere, welches die verschiedenen Auf-fassungen sind, ferner wie inan mit dem Freund umzugehen hat,und was das Gerechte zwischen Freunden ist. Die Aufgabe desbürgerlichen Verhaltens scheint es in erster Linie zu sein, Freund-schaft zu stiften, und in dieser Beziehung soll die Tugend vonNutzen sein, sofern es undenkbar sei, daß Menschen, die einanderunrecht thun, Freunde von einander seien. Ferner nehmen wiralle an, daß das Gerechte und das Ungerechte bei den Freundenganz besonders seine Anwendung finde, Tugend und Freundschaftscheint bei einem Menschen zusammcnzugchören und die Freund-schaft scheint ein sittliches Verhalten zu sein, und wenn also je-mand es dahin bringen will, daß die Menschen einander nichtunrecht thun, so muß er sie zu Freunden machen; denn die wah-ren Freunde thun kein Unrecht. Und ebensowenig werden solcheMenschen Unrecht thun, welche gerecht sind, somit sind Gerechtig-keit und Freundschaft entweder identisch oder doch nahe verwandt.
Aristoteles' Eubemische Ethik. 6