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1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
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Neuntes Buch.

Haft, welcher von beiden Anfichten man folgen soll, da alle beide ihreGründe für sich haben.

3. Allein ich denke, man muß dergleichen Raisonnementsscharf von einander halten und genau bestimmen, wie weit und inwelcher Art sie wahr sind. Wenn wir also zunächst den Begriff derEigenliebe nehmen und zusehen, was die Einen und was dieAndern darunter verstehen, so dürfte die Sache alsbald ins Klarekommen.

4. Diejenigen, welche das Wort im Sinne eines Vorwurfsbrauchen, nennenEigenliebige" diejenigen, welche in Geldsachenund in Bezug auf Ehre oder auf sinnliche Genüsse vor allen Andernsich selbst bedenken denn das find Dinge, nach denen die meistenMenschen streben, um die sie sich, als um die höchsten Güter, zu allenZeiten abgemüht haben, und um die daher beständig heißer Kampfund Streit stattfindet. Diejenigen nun, welche in Bezug auf dieseDinge nie genug haben können, sind Menschen, die nur ihrer Be-gierde und überhaupt ihren Leidenschaften und dem unvernünftigenTheile der Seele zu Willen leben. Daher ist denn auch die Benen-nungeigcnliebig" im tadelnden Sinne aus dem Umstande entstan-den, daß die große Masse eben schlecht ist. Gegen solche Art von Ei-genliebe erhebt sich also mit vollem Rechte der Tadel.

5. Daß man aber im gewöhnlichen Sprachgebrauchs eben nursolche Menschen, die in Bezug auf jene obengenannten Dinge vorallen Andern sich selbst bedenken, alseigenliebige" bezeichnet, liegtauf der Hand. Denn gesetzt, ein Mensch trachtete immer nur dahin,selbst vorzugsweise vor allen andern Menschen gerecht zu handeln,sich maßvoll zu betragen, oder sonst irgend welche Tugend zu üben,mit einem Worte, Alles, was schön und gut ist, zu seinem Eigen-thume zu machen, so wird sicher kein Mensch auf der Welt diesenMenscheneigenliebig" nennen oder ihn tadeln. 6. Und doch,sollt' ich denken, wäre ein solcher Mensch mehr als irgend ein an-derer eineigenliebiger", denn er nimmt ja für sich selbst gerade die

2) Wörtlich entsprechender würdeSelbstliebe" sein, aber dann fehlte demUeberseher das Adjectivum, da wirselbstliebig" nndselbstliebend" nicht wohlbrauchen können, in dem Sinne vonsich selbst vorzugsweise liebend".