Sechstes Kapitel.
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für Krämerseelen gehört. Dies sieht man auch daraus, daß dte inder Fülle des Glücks lebenden Menschen nicht Leute bedürfen, dieihnen Nutzen, wohl aber solcher, die ihnen Vergnügen gewähren,Denn sie wollen doch Jemand haben, mit dem sie Zusammenlebenkönnen, und wenn sie auch das Unangenehme eine Zeit lang ertragen,so gibt es doch keinen Menschen, der dasselbe auf die Dauer ertragenmöchte, ja sogar nicht einmal das Gute selbst, wenn es fürihn belästigend wäre. Daher suchen die Glücklichen angenehme Menschenzu ihren Freunden^). Freilich sollten sie wohl auch dazu Menschennehmen, die nicht nur an sich gute, sondern auch für sie selbst sittlichfördernd sind. Denn erst auf diese Weise würden sie Freunde haben,die alles zur Freundschaft Erforderliche besitzen^).
5. Hochgestellte Personen scheinen indessen verschiedene Artenvon Freunden zu brauchen. Sic haben Freunde, die ihnen nützlich,und Freunde, die ihnen angenehm sind; aber selten ist Beides ineinen und denselben Personen vereint. Denn sie suchen weder An-genehme, die zugleich tugendhaft wären, noch Nützliche für edle undschöne Dinge, sondern wenn sie nach Vergnügen verlangen, so wollensie dazu Menschen haben, die heitere Gesellschafter sind, und als ihrenützlichen Freunde sehen sic diejenigen an, welche hinreichende Ener-gie und Verstand besitzen, das in's Werk zu setzen, was ihnen auf-getragen wird. Das sind aber Eigenschaften, die sich nicht leicht ineinem und demselben Individuum finden.
6. Allerdings habe ich oben gesagt, daß der tugendhafte Mannzugleich angenehm und nützlich sei; allein ein solcher wird einemGroßen, der an Machtgewalt Alle überragt, nicht Freund, cs sei denn,daß der Große auch seinerseits der überragenden Tugend des Andern
") Die „Glücklichen" sind hier die Neichen, Mächtigen, in Fülle äußererGüter Lebenden, die Fürsicn und Großen. Aristoteles mochte an seinen Ale-xander denken und an das Verhältniß desselben zu Aristoteles' Neffen, Kallisthe»ncs, das einen so tragischen Ausgang nahm. S. Stahr, ^rlstotella I, S. >21bis IZK. — Es ist eine furchtbare Wahrheit in Aristoteles' Bemerkung, daßdie Großen dieser Erde selbst da§ Edelste und Beste lervro ronicht ertragen mögen, wenn es ihnen irgendwie unangenehme Empfindungenbereitet! —
5) Vgl. oben Kap, 3, §. 6; Kap. IV, h. I.