Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
278
Einzelbild herunterladen
 

278

Achtes Buch.

nicht dauernd dasselbe, sondernwird mit der Zeit auch ein ande-res". Fällt also das weg, weßhalb solche Menschen Freunde waren,so zerfällt auch die Freundschaft, da ja dieselbe sich nur aus solcheLeistungen bezog.

4. Solche Art von Freundschaft scheint vorzugsweise unter denältlichen Leuten stattzufinden, denn solche streben nicht nach demAngenehmen, sondern nach dem, was Nutzen bringt?), und beiallen solchen reifen Männern und jungen Leuten, welche nach demVortheilhaften streben. Solche Leute aber geben auch nicht beson-ders viel auf gegenseitigen engen Lebensverkehr ^), denn theils sindsie zuweilen nicht einmal angenehm, theils haben sic ja auch keinBedürfniß nach einem solchen angenehmen Verkehr, sobald sie Einervom Andern keinen Vortheil haben. Denn Genuß gewähren sie sichnur in soweit, als sie Einer auf den Andern Hoffnungen irgendeines Vortheils bauen. In die Kategorie dieser Art von Freund-schaften setzt man auch die Gastfreundschaft^).

5. Die Freundschaft der jungen Leute dagegen scheint ihrenGrund im Vergnügen zu haben; denn diese leben nach der Leiden-schaft, und streben vor allem nach dem, was ihnen Vergnügen machtund nach dem unmittelbar Gegenwärtigen ^). Allein mit dem Wech-

2) Man vergleiche die herrliche Charakteristik des GreisenalterS in Arist.Rhetorik II, Kap. 13, §. 6 u. §. 0 und öden IV, Kap. I, §. 37.

Dieser enge Lebensverkehr, da«Zusammenleben",zusammen sich desTages freuen" ge-

hört nach Aristoteles wesentlich zur lebendige» Freundschaft. <S. äristotelia I,S. ILl.) Was hierüber Aristoteles weiter unten im fünften Kapitel diesesBuche« sagt, faßt Goethe in seinem Tasso in die herrlichen Worte:

Wie köstlich ist des g e g enwä r t'g en Freundes

Gewisse Rede, deren Himmelskraft

Ein Einsamer entbehrt, und still versinkt! u. s. f.

Nicht die alte allgemeine Gastfreundschaft des heroischen Zeitalters,deren SchützerZeus der Gastliche" war, sondern das zu Aristoteles Zeitenzwischen Staaten und Individuen hcrrrschende und speziell geknüpfte Gastsreund-schastSverhältniß, von dem Aristoteles oben IV, Kap- r, §. IS. u. Sl. Moral,p. I2II L. II IS spricht lieber dieses s. man WachSmuth, Hellen. Alter-thumSkunde I, S. 121 >23.

2) Man lese die herrliche Charakteristik des Jünglingsalters in Arist.Rhetorik II, Kap. 12 .