könne ja ebensogut seines Nachbars Frau beschlafen, seinen Näch-sten schlagen, sogut als der Tapfere seinen Schild im Stiche lassen,dem Feinde den Rücken kehren und das weite suchen könne. Allein,feige sein und ungerecht sein und feige oder ungerechte Handlungenbegehen, ist nicht dasselbe, außer in zufälligen Fällen, sondernfeige sein und ungerecht sein heißt, in solcher Seelenverfassung sichbefinden, welche notwendig zu solchen Handlungen führt, wie jaauch das Arzt sein und Kurieren nicht soviel ist, als Schneidenoder Nichtschneiden, Mittel verordnen oder nicht verordne»,sondern es auf eine bestimmte, den Umständen angemessene Weisethun.
17. Endlich finden Gerechtigkeit und gerechte Handlungennur unter solchen Wesen statt, denen diejenigen Glücksgüter ge-meinschaftlich sind, welche an und für sich genommen gut sind, indenen aber für die, die sie haben, ein Zuviel oder Zuwenig statt-finden kann. Denn es gibt Wesen, für die ein Zuviel (hierin) nichtmöglich ist, wie das ohne Frage bei den Göttern der Fall ist, undwieder andere, denen auch nicht der geringste Teil solcher Gütervon Nutzen ist, sondern alles schadet, und das sind die unverbesser-lich Schlechten, und endlich solche, denen jene Güter nur bis zueinem gewissen Maße nützlich sind; darum gehört die Gerechtigkeitin des menschliche Gebiet."
Zehntes Kapitel.
1. Wir haben zunächst über die Billigkeit und das Billige, überdas Verhältnis der Billigkeit zur Gerechtigkeit und des Billigenzu dem Gerechten zu sprechen; denn wenn man genau zusieht, soerscheint beides weder absolut als einunddasselbe, noch auch an-dererseits als etwas der Art nach Verschiedenes. Einerseits näm-lich loben wir das Billige und den „billigen" Mann, und zwar insolchem Maße, daß wir diese Bezeichnung auch lobend auf anderesübertragen und „billig" für „gut" sagen, indem wir damit aus-
19. Sinn: die Gerechtigkeit ist eine Tugend, die weder für „Götter",noch für „Teufel", sondern nur für Menschen da ist.