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Aristoteles, Nikomachische Ethik.
es liegt in der menschlichen Natur, diesen zu fliehen und jene zusuchen. — 2. Ferner: der Schmerz setzt den, der ihn hat, außersich und zerrüttet seine Natur. Das thut aber die Lust niemals,und darum läßt sie dem freien Willen mehr Spielraum. Deshalberfährt auch die Unmäßigkeit mehr Tadel, als die Feigheit. Auchist es ja leichter, sich in Bezug auf die Lusteindrücke durch Ge-wöhnung eine gewisse Fertigkeit zu erwerben, denn es gibt derenim menschlichen Leben viele, und das jedesmalige Exercitium istgefahrlos. Bei den furchtbaren Dingen dagegen verhält es sichumgekehrt.
3. Allein hinsichtlich der Freiwilligkeit ist ein Unterschiedzwischen der Feigheit als Eigenschaft und zwischen den einzelnenfeigen Handlungen. Die Feigheit selbst nämlich ist nicht mitSchmerz verbunden, die feigen Handlungen im einzelnen dagegen,z. B. das Wegwerfen der Waffen und andere unehrenhafte Hand-lungen, haben ihren Ursprung in der Schmerzempfindung und gel-ten deshalb als äußerlich erzwungene. — 4. Umgekehrt dagegenkommen bei dem Unmäßigen seine einzelnen unmäßigen Hand-lungen auf Rechnung seines freien Willens, weil sein Begehrenund Streben auf sie gestellt ist, aber die ganze Eigenschaft weniger,denn man kann von keinem Menschen sagen, daß er Begierde da-nach habe, ein Unmäßiger zu sein.
5. Was die sprachliche Bezeichnung der „Unmäßigkeit" * be-trifft, so übertragen wir sie auch auf die Vergehen des Knaben-alters; denn die kindischen „Unmündigkeiten" haben eine gewisseÄhnlichkeit mit den Maßlosigkeiten des Unmäßigen. Welche vonbeiden Bezeichnungen die ursprüngliche sei, geht uns hier nichtsan, soviel aber ist klar, daß die spätere von der früheren abgeleitetsein muß. — 6. Die Meta'pher des Ausdrucks ist übrigens ganzgut. Denn alles, was nach dem Häßlichen verlangt und schnellzunimmt, bedarf der strafenden Zucht, und Dinge dieser Art sindvorzugsweise die menschliche Begierde und das Kind, denn dieKinder werden in ihrem Leben und Treiben eben auch ganz von
1. Im Griechischen wörtlich: „Zuchtlosigkeit" (äxvX«ol«), „Unbändig-keit".