Erstes Buch. Dreizehntes Kapitel.
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Natur der Seele kennen muß, eben so gut, wie der, welcher Augen-heilkunde üben will, den ganzen Körperorganismus, ja in nochhöherem Grade, um so viel würdiger und höher die Staatswissen-schaft über der Augenheilkunde steht; und was die Ärzte betrifft,so verwenden auch alle wissenschaftlich gebildeten großen Fleiß aufdie Erkenntnis des menschlichen Körpers. ^
8. Somit hat also auch derLehrer der Wissenschaft vom Staatedas Wesen der Seele zum Gegenstände seines Studiums zu machen,natürlich aber immer nur um seiner Zwecke willen und nur so weit,als es seineAufgabe erfordert; denn allzutiefes genaueres Eingehewdürfte ihm in der Lösung derselben hinderlich sein. — 9. Über dieSeele findet man auch in den exote'rischen Vorträgen ^ einiges aus-reichend behandelt, das man sich zu nutze machen kann, wie z. B.den Satz, daß ein Teil von ihr unvernünftig, der andere vernunft-begabt ist. — 10. Dabei können wir die Frage: ob diese beidenTeile trennbar sind, gleichwie dieGliederdes Körpers und überhauptalles Gegliederte, oder ob sie nur durch das Denken zwei unter-schiedene Dinge sind, von Natur an untrennbar, wie beim Kreisedas Konvexe und Konkave, für unfern gegenwärtigen Zweck ohnewesentlichen Nachteil beiseite lassen.
11. Was aber den vernunftlosen Teil der Seele betrifft, soscheint er gleichfalls eine Verschiedenheit in sich zu fassen. Ein Be-standteil desselben nämlich erscheint als ein allen Wesen gemeinem
5. Über die häufigen Anspielungen des Philosophen auf Arzneiwissen-schaft und Heilkunde vgl. unsere Bemerkung zur Politik III, Kap. 6, § 8;Kap. 10, § 4: Aristoteli'a I, S. 39; Bernays, Über AristotelischeKatharsis, S. 193. Daß es bei den Griechen Spezialärzte für einzelneLeiden, für Augenkrankheiten (Pla'ton, La'ches, S. 189 s ff.), Ohren,Zähne u. s. w. gab, ist bekannt. S. die Ausleger zu Hero d'ot II, 84.
6. Die hier erwähnten exoterischen Vorträge (Xoffm) sind wohl jene
populären Vorträge, welche Aristoteles neben den streng philosophischen undsystematischen zu bestimmten Tageszeiten hielt und von denen namentlichGelllius (XX, 5) und So'pater und Syria'nus zu Herino'genesS. 120 (bei Spengel, S. 167 ff.) ausführlicher be-
richten. Das richtige sah hier schon'Lessing im 10. LitteraturbriefeVI, S. 20 Lachmann. S. die Anmerkung 8 zu Kap. 2, § 8 dieses Buches..