75
auch solche Fehler hat? offenbar der erste«, und zwar um somehr, je kostbarer das betreffende Gut ist. Nun hat der Un-mäßige ein Gut, nemlich die richtige Vernunft, der Zügellosedagegen hat es nicht. Die Vernunft ist aber überall oberstesPrincip. Bei dem Unmäßigen nun ist das Princip, das werth-vollste Gut, in der richtigen Beschaffenheit vorhanden; bei demZügellosen dagegen ist es in schlechter Verfassung, also ist derZügellose schlimmer, als der Unmäßige.
Ferner ist in Betreff des thierischen Wesens, welches wirals ein Laster bezeichnet haben, zu bemerken, daß dasselbe nichtan Thieren sich findet, sondern am Menschen. Dieses thierischeWesen ist nemlich eine Bezeichnung für ein Uebermaß von Laster-haftigkeit. Die Sache ist nun die, daß das schlechte Princip imThier gar nicht vorhanden ist, dieses Princip aber ist die Ver-nunft. Denn wer kann mehr Unheil anrichten, ein Löwe oderein Dionysius, ein Phalaris, ein Klearch') oder wie sonst dieseUnmenschen heißen mögen? Offenbar doch die letzteren; denndas schlechte Princip, das in ihnen ist, trägt viel dazu bei. ImThier dagegen ist gar kein solches Princip. Im Zügellosen alsoist ein schlechtes Princip. Scffem kr nemlich das Schlechte thutund die Vernunft dazu ihre Zustimmung gibt und sich dafür er-klärt, daß so zu handeln sei, ist diese Vernunft schlecht und dasPrincip ist also nicht im gesunden Zustand. Deßwegen kannman sagen, daß der Unmäßige besser sei als der Zügellose.
Die Unmäßigkeit zerfällt nun selbst in zwei Arten: die eineist aufregend, unüberlegt und mit Einem Mal entstehend; z. B.wenn wir eine schöne Frau sehen, so entsteht alsbald in uns eineleidenschaftliche Aufregung und aus dieser Aufregung entspringtein Trieb, etwas zu thun, was vielleicht nicht recht ist. Die an-dere Art ist von schwächlicher Art und geht Hand in Hand mitder zurückhaltenden Stimme der Vernunft. Jene erste« Art nunist eigentlich nicht so sehr tadelnswerth. Sie entsteht ja auch intugendhaften Personen, sobald nur die an sich gute Natur etwas
*) Tyrann von Heraklea, Schiller des Plato und IsokraLes, um 360 v.Chr.T. S. Real-Enc. II. S- 494.