Druckschrift 
3 (1891) Poetik (3. Aufl.), Topik (Disputierkunst)
Entstehung
Seite
182
Einzelbild herunterladen
 

182

Aristoteles, Poetik.

10. Auch hat der Dichter das Unmögliche aber Wahr-scheinliche dem Möglichen aber schwer zu Glaubenden vorzu-ziehen. Ferner darf er seine Fabel nicht aus Teilen zusammen-setzen, welche der Vernunft widerstreiten, sondern wo möglichmuß gar nichts der Vernunft Widerstreitendes darin enthaltensein; geht das nicht an, so muß es außerhalb der dargestelltenFabel des Gedichts liegen, wie z. B. daß Ö'dipus nicht weiß,auf welche Art La'ios umgekommen ist, aber nicht in demDrama selbst, wie z. B. in der Ele'ktra der Bericht von denPythischen Spielen oder in den Mysiern, wo einer stummvon Te'gea nach Myffien gewandert ist.^ Der Einwand,

dessen ganze Erzählung richtig sein. Das ist aber ein Fehlschluß.Denn er kann jene Notizen ja auch von einem dritten haben. Undumgekehrt,ist auch nicht einmal der ihrem letzten Schluffe zu Grundeliegende erste richtig. Denn der kretische Fremdling konnte wirklich vorJahren den Odysseus bei sich bewirtet haben, ohne doch, nach so langerZeit, im stände zu sein, sich genau zu erinnern, welche Kleider er ge-tragen, wie deren Stickerei ausgesehen, u. s. w. Und in der That deutetOdysseus selbst dies an, indem er seine Auskunft mit den Worten beginnt iSchwer, o Königin, ist es, nach seiner langen EntfernungIhn so genau zu beschreiben; wir sind schon im zwanzigsten Jahre,Seit er von dannen zog aus meiner heimischen Insel.

Dennoch will ich dir sagen, so viel mein Geist sich erinnert.

Und in der That, seine Erinnerungskraft ist so wunderbar, daß nur diean dem Leben des Geliebten verzweifelnde Penelope nicht durch seineBeschreibung auf den Gedanken kommen konnte, dieser Fremdling müsseOdysseus selbst-sein, um so genau die Stickerei seiner Kleidung bisins kleinste Detail angeben zu können, die der Held vor zwanzig Jahrengetragen! Das aber sind eben dieklugen Lügen", um derentwillenAristoteles den Altvater Homer so bewundert und für alle Epiker alsMuster hinstellt.

23. Das Beispiel aus So'phokles'König Ödipus" (V. 729 ff.)hat Aristoteles schon oben (Kap. XV, § 7) ähnlich angeführtund entschuldigt. Dagegen tadelt er es, daß Sophokles den Ana-