Druckschrift 
3 (1891) Poetik (3. Aufl.), Topik (Disputierkunst)
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

98

Aristoteles, Poetik.

Neuntes Kapitel.

1. Aus dem Gesagten erhellt nun auch zugleich, daß es nichtdie Aufgabe des Dichters ist, vorzutragen, was einmal wirklich ge-schehen ist, sondern solche Dinge, welche sehr wohl geschehen konntenund die möglich sind entweder nach den Gesetzen der Wahrscheinlich-keit oder der Notwendigkeit. *

2. Der Geschichtschreiber und der Dichter unterscheiden sichnicht dadurch, daß der eine in gebundener, der andere in ungebun-dener Rede spricht; denn man könnte ganz gut Herodo'ts Bücher inVerse bringen, und es würde nichtsdestoweniger, mit Metrumoder ohne metrische Formen, Geschichte sein. Sondern das ist derUnterschied, daß der eine Dinge berichtet, die geschehen sind, derandere solche, die da hätten geschehen können.

3. Darum ist auch die Poesie philosophischer und gehaltvollerals die Geschichte; denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine, dieGeschichte nur das Einzelne dar.^

4. Allgemein ist: was für Dinge einem so oder so beschaffenenMenschen zu sagen oder zu thun mit.Wahrscheinlichkeit oder Not-wendigkeit zukommt worauf die Poesie bei der Namengebungabzieltb; das Einzelne dagegen ist: was Alkibi'ades gethan oderwas er gelitten hat.

1. Über diesen Punkt vergleiche man Lessings Entwickelung in derHamburgischcn Dramaturgie VII, 50; 141; 149155 und 255 397 ff.Vgl. Lessings Leben und Werke von Adolf Stahr, I, S. 329 333.Bischer, Ästhetik, II, S. 350351; 364; IV, 1207.

2. Vgl. Bischer, Ästhetik, II, S. 364.

3. Dieses entwickelt Lessing vortrefflich in der HamburgischenDramaturgie, Stück 89 (VII, 399 ff. Lach mann).