Zweites Kapitel.
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Denn Polygno'tos pflegte edlere, Pau'son niedrigere Gestaltenzu bilden, während Dionysias die gewöhnliche Wirklichkeitkopierte. ^
3. Diese wenigen Worte enthalten ein Stück griechischer Kunstgeschichte.Polygno't ans Tha'soS, Sohn des Malers Agla'ophon, in Athen ein-gebürgert, ein Zeitgenosse des Phi'dias, gilt auch für Plato, der ihn alsMaler parallel mit Phidias als Bildhauer stellt, als der Maler pur sx-esllsnes. Vgl. I-stronns, ksinturs inuralo ste., S. 426. Als Maleridealer Gestalten und Charaktere von sittlich edlem Ansdrucke bezeichnetihn hier und an anderen Stellen (Kap. 7; vgl. Politik VIII, 5, 7) Aristo-teles, der eben deshalb auch in der angeführten Stelle der Politik dieJugend durch das Anschaucn seiner Bilder und Gestalten vorzugsweisezum Sittlichschönen gebildet haben wollte, während er den Anblick vonPausons Werken für die Zugend schädlich achtete. Denn Pauson, ein jün-gerer Zeitgenosse des Polygnotos, war der Maler der Häßlichkeit, derKarikatur, ein wüster Gesell in der Art der Jan Steen und Konsortenauch im Leben und wegen seiner Armut und Geldnöten von Aristo'phanesmehrfach verspottet (AristophaneS, Acharner, V 854; 958; Plutos 629).Dionysios aus Ko'lophon dagegen, derselben Zeit angehörend, schloß sichzwar hinsichtlich der Stoffe an Polygnot an; aber ihm fehlten Schwungund Erhabenheit des Ausdrucks; und statt der idealen Gestalten Polygnotswaren die seinen gewöhnliche Menschen, weshalb ihm die alte Kunstge-schichte den Beinamen „der Anthropogra'ph" (der Menschenmaler) gab.Den Rang also dieser drei Maler bestimmten, wie Lessing im Lao'koon(Werke VI, 381) sagt, „die Grade des Schönen, die sie ihren menschlichenFiguren geben, und Dionysios konnte nur deswegen nichts als Menschenmalen und hieß nur deswegen der Anthropograph, weil er der Natur zusklavisch folgte und sich nicht bis zum Ideal erheben konnte, unter welchemGötter und Helden zu malen ein ReligionSverbrechcn gewesen wäre". —Das letztere ist nun freilich etwas zu stark; aber es war allerdings einästhetisches Verbrechen, wie es manche Niederländer, z. B. Rubens mitseinen heiligen Frauen, Maria u. s. f., auch begangen haben.