Eine Physiognomik ist möglich, wenn man zugibt, daß Leib undSeele zu gleicher Zeit sich verändern, soweit es nemtich physischeAffektioncn gibt; wer nemlich etwa Musik lernt, verändert auch seineSeele in irgend einer Beziehung, aber diese Affektion ist nichtsPhysisches, vielmehr zu den physischen Bewegungen gehören z. B.Zorn und Begierden. Gibt man also dieses zu und gibt man zu,daß je ein Merkmal zu einer Affektion gehört, und kann man sernerdie jeder Gattung eigenthümliche Affektion und das dazu gehörigeMerkmal finden, dann kann man Physiognomik treiben. Wenn nem-lich irgend einer nicht mehr theilbaren Gattung eigenthümlich eineEigenschaft zukommt, wie den Löwen die Tapferkeit, so muß es auchein Merkmal dafür geben; denn wir setzen ja ein gemeinsames Em-pfinden von Leib und Seele voraus. Dieses Merkmal sei nun derBesitz von großen Extremitäten, was auch andern Gattungen zukom-men kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfang. Das Merkmal istnemlich in der angegebenen Weise eigenthümlich, wenn die Eigenschaftder ganzen Gattung eigenthümlich ist und nicht einem einzelnen, wiedieß auch gewöhnlich so ausgedrückt wird. Es kann also auch ineiner andern Gattung dasselbe sich finden, es kann ein Mensch undein anderes Thier tapfer sein, kann also das Merkmal haben; dennes gibt ja Ein Merkmal sür Eine Eigenschaft. Ist nun dieß so undsind wir im Stand, solche Merkmale au denjenigen Thieren zusammeln, welche nur je Eine eigenthümliche Eigenschaft haben (jedeEigenschaft aber hat ein Merkmal, denn eines muß sie ja haben),dann ist Physiognomik möglich. Wenn aber die Gattung im ganzenzwei eigenthümliche Eigenschaften hat, wie der Löwe Tapferkeit undGroßmuth, wie ist es dann möglich zu erkennen, welches von beidenihm eigenthümlich zukommendcn Merkmalen jeder von beiden Eigen-schaften entspricht? Doch wohl so, wenn beide Merkmale einer andernGattung, aber nicht dem ganzen Umsang nach zukommen und wennda, wo nicht dem ganzen Umfang nach beides sich findet, das eineIndividuum das Merkmal hat, das andere nicht; ist nemlich Einertapfer, aber nicht großmüthig, und hat er von den zwei betreffendenMerkmalen dieses bestimmte, dann ist klar, daß auch beim Löwendieß das Merkmal der Tapferkeit ist. Es ist also Physiognomik mög-lich, wenn in der ersten Figur der Mittelbegriff mit dem Oberbegriff
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