Congreß der slavischm Lindcnvereine in Prag. * 369
Scrutinium veranstaltet, in Folge dessen achtzehn Candidatcn-Namcn ausder Urne hervorgingen und in eine Liste zusammengestellt durch dieTagesblättcr dem böhmischen Publicum zu Rücksichtnahme empfohlenwurden.
Doch das Ansehen und der Einfluß der Slovauskä Lipa reichteweit über die Gränzen Böhmens hinaus. Gleichsam als Fortsetzerindes durch die Juni-Ereignisse auscinandergesprcngten Slaven-Congresscs,bildete sie ohne ausdrückliche Verabredung den Mittelpunkt, wohin sichbei jedem gegebenen Anlaß die Slave» aus allen Theilcn der Monarchiewandten und von wo Anregungen nach allen Seiten ausgingen. Sicselbst war sich dieser ihrer Mission wohl bewußt. „Daß sich die innigeAnnäherung und wirksame Thcilnahme an den Schicksalen der Slavcn-stämme unter den Böhmen und Polen, Slovaken und Kroaten, Mährernund Slovenen, Serben und Nuthcnen überall und reichlich entfalte undverbreite, darum wurde die Prager Slovauskä Lipa gegründet, die sichneben der Wahrung der heiligsten den Völkern gebührenden Rechte dieVerwirklichung einer wahrhaften Wechselseitigkeit unter den Slavcn zumHeil Aller zum Ziele gesetzt hat" ^). So hielt denn die SlovauskäLipa nach allen Seiten, wo sich ans österreichischem Gebiete ein slavischesInteresse regte, ihren aufmerksamen Blick gerichtet und verstand es, ohnesich eine Gewalt anzumaßen die ihr nicht zustand und die sie nicht besaß,durch Sympathie-Bezcigungen, durch freundschaftlichen Verkehr, durchAnregung der Thcilnahme und Opferwilligkcit die stammverwandte Sacheallenthalben zu fördern. Sie verfolgte die Ereignisse auf dem süd-unga-rischen Kriegsschauplätze und leitete Sammlungen für die kämpfendenSerben und Gränzer ein; sie unterhielt Verbindungen mit Lemberg undOlmüz, mit Laibach und Triest. Es war als ob ihren Führern derGedanke vorschwebte das „goldene Prag" allmälig zur geistigen Metro-pole des österreichischen Slaventhums zu erheben; der Vorschlag an derPrager Hochschule Lehrkanzeln für alle slavischcn Sprachen zu errichten,sowie der Aufruf an die südslavischcu Studenten die Prager Universitätzu beziehen, standen offenbar damit im Zusammenhang. In der Thatdrängte es sich von allen Seiten nach der Hauptstadt Böhmens. Hierweilten die beiden Slovaken-Führer Stür und Hurban da sie für ihrenFreischaarenzug nach Ungarn rüsteten, Octobcr und November, undwarben mit Unterstützung des Vereins Mannschaft und Geld. Zu Pragfragte sich der Dalmatc Poirauovic an, der in seinem Halb italicnisirtcn
24