288
II. 8. Neugestaltung des mitteleuropäischen Staaten-Systems.
Stücken ein Österreich im kleinen ist, hat von der bnnten Völkermischungdes Kaiserstaates von jeher besten Gebrauch zn machen verstanden. Dielanzengcwohntcn Mazuren stellten ihr die gewandtesten Uhlancn. Siedankte dem feurigen Ungar die vorzüglichsten Husarcn-Regimcnter, gegendie alles, was in andern Heeren den gleichen Namen führt, nur unvoll-kommene Nachahmung ist. Der crnstgcdiegene Böhme füllte die Reihenihrer Artillerie und technischen Corps. Der Throlcr mit dem Falkcnaugcund dem kräftig-gewandten Glicderban gab einen unübertrefflichen Schützenund Gebirgskämpfer ab. Ihre Mccrcs-Flottcn bemannte der zum Scc-dienst wie geschaffene Dalmatc, ihre Donau- und Theiß-Caiken der ge-schmeidige Serbe. Warum hat die innere Politik Österreichs nie auchnur den V ersuch gemacht, dasjenige, woraus seine Armee-Organisationso vielfachen Nutzen zu ziehen verstand, für ihre Zwecke in Thätigkeit znsetzen? Sei es daß man, wie für die Einheit der Armee das deutscheCommando, so für die Einheit der Verwaltung in gewissem Umfangedie deutsche Amtssprache brauchte — und das wurde, wie sich uns ge-zeigt hat, selbst von nicht-deutscher Seite zugegeben—, so war in keinemFalle an der Möglichkeit zu zweifeln, daneben den verschiedenen Völker-schaften des Reiches in ihren Kreisen jede freie und naturgemäße Ent-faltung ihrer nationalen Eigenart zu gönnen. Die Vielsprachigkeit derBevölkerung als ein Übel, ja als den Keim des Zerfalles zn betrachten,war von vorn herein eine Verblendung der sich ans der allgemeinenStaatengcschichte die schlagendsten Beweise vom Gcgentheil entgcgenhaltcnließen. Man mache sich nur ernstlich daran, aus dem Völkcrgedrängcfür staatliche Zwecke Borthcile hcrauszusnchen, und man wird sic eben sofinden wie man sie für militärische zn benützen wußte. Wir wollen nichtauf den früher erwähnten tausendjährigen Ausspruch König Stephan'svon Ungarn zurückgrcifen: wir wollen das Urtheil eines modernen deut-schen Publicistcn anführen, der, von jenseits der Gränze gekommen, dieNatur Österreichs mit vorurtheilloscm Blicke zu erfassen wußte. JuliusFröbel fand „die deutschen Geschicke mit denen der Wcst-Slaven Süd-Slavcn Magyaren und Romanen so eng verbunden, daß man sich ausder Verbindung nicht lösen sollte", und erwartete „von den frischenKräften des Ostens und von der Mischung der Nationalitäten, die dortbei all ihrer gegenseitigen Feindschaft unaufhaltsam vor sich geht, für dieVerjüngung von Europa mehr als von der abgeblüthen Pflege der spe-cifisch deutschen Bildung" ^). Man kann ohne Übertreibung sagen,