254
H. 6. Reaction des österreichischen Bewußtseins.
Schiedsrichterin in den jüngsten Wiener Wirren znrückgewiesen, nnd daßin allen diesen Stücken das Rcichs-Ministcrinin nichs gethan habe, Öster-reich unter die Beschlüsse der deutschen Reichsversammlung zu beugen'^).Raveaux rief aufgeregt dem Grafen Dcym zu: „Wenn Ihr solche Über-zeugungen in Euch traget, wie konntet Ihr wagen hierher zu kommen undtheilzunehmen an dem Werke der Gesetzgebung einer Nation, zu der Ihrnicht gehören wollt und, wie Ihr sagt, nicht gehören könnt?" Zuletztstellte Freudenthcil aus Stade geradezu den Antrag: Preußen und Bayernseien aufzufordern, die Beschlüsse der National-Versammlung zum Vollzugzu bringen; „jetzt oder nie", rief er aus, „gelaugt Deutschland und mußes zur Einheit gelangen, daher nöthigenfalls Waffengewalt gegen diercnitirenden Staaten, damit sie dem Gesammtwohlc sich unterwerfen".
Doch cs war nicht Vielen in der Paulskirchc so muthig nndkampfcsfreudig um's Herz wie den Herren, die eine Armee gegen daswiderspäustige Österreich schicken wollten. Es beschlich so manchen dieAhnung, daß man mit dem souvcrainen Standpunkte, auf den man sichÖsterreich gegenüber zu stellen versucht, denn doch nicht an's gewünschteZiel kommen werde und daß cs darum an der Zeit sei, die Hand zneinem befriedigenden Ausgleich zu bieten. Dann sträubten sich aber wie-der Eitelkeit nnd Rechthaberei, den Allmachtswahn, in den inan sich ver-fangen, fahren zu lassen und den Verfassnngsentwurf anfzngebcn oderauch nur zn umstalten, und also einen politischen Fehler einzugestehcn.„Man suchte deshalb Ausflüchte nnd Selbsttäuschungen nnd hob nunhervor, wie undcutsch Österreich doch im Grunde sei, nud insbesonderewie es sich auflehne gegen die National-Versammlung und die Ccutral-Gewalt, nnd übersah dabei fortwährend, daß Preußen in demselbenAugenblicke dasselbe that und es sammt Hannover, Bayern, Sachsenvon Anfang her gethan hatte, ohne daß man daraus schloß, diese Staa-ten müßten also aus dem Reiche hinausgelasscu werden". Die Wenigstenhatten den Mnth offen zu gestehen, daß sie nun die Dinge mit andernAugen sähen als früher; daß Österreich, wie sich nun zeige, die 8ß. 2und 3 nicht annehmen werde und zur Annahme derselben nicht gezwungenwerden könne; daß folglich der ganze Entwurf, wie er angelegt war,für Österreich nicht passe; daß man mit einen: Worte eine „ganz un-genügende, unpraktische, nach constitutionellcm Schema angelegte Ver-fassung in Aussicht genommen" habe ^).