354
III. 25. Schlacht bei Schwechat am 30. Octobcr.
Görgei wandte sein Pferd und ritt mit dem Bemerken, „die Anord-nungen seien derart, daß er jede Verantwortlichkeit für die Folgenderselben ablehnen müsse", unwillig zu seiner Brigade zurück.
So war um Mittagszeit auf beiden Seiten ein Stillstand inden Bewegungen eingetreten; man hielt sich gegenseitig im Auge undschien den andern Theil zum Angriff heranslocken zu wollen. Nurdie Geschütze arbeiteten ohne Unterlaß und ihr nach Wien vernehm-barer Donner rief alle Wirrnisse einer wüsten Pvbelherrschaft, derenman eben erst Herr zu werden begonnen hatte, wieder wach.
Im Wiener Gemeinderathe war mau Hand in Hand mit demN.-G.-Ober-Commando vollauf damit beschäftigt, die in der voraus-gegangenen Nacht mit dem Fürsten Windischgrätz abgeschlossene Capi-tnlation in Ausführung zu bringen. Placate Messenhauser's, derStadtbehörde, des Neichstagsausschusses, die alle dieses Ziel im Augehatten, bedeckten schon am frühen Morgen die Ecken der Häuser inallen Hauptstraßen. Messenhauser sprach vom „unvermeidlichen Nach-gebeu unter die Macht des Verhängnisses". „Mitbürger der Minori-tät", rief er, „fügt euch dem Wunsche und Verlangen der Majorität;an Wien, dem einstigen heitern Zusammenflüsse der Fremden undWißbegierigen, soll sich nicht eine Erinnerung, gräßlich und erschüt-ternd wie jene von Troja, Jerusalem, Magdeburg knüpfen!" DieBarricaden wurden abgeräumt, in den vom Militär noch nicht be-setzten Stadttheilen weiße Fahnen ausgesteckt; aus den Vorstädtenzogen truppweise Bewaffnete oder fuhren Wagen mit eingesammeltenGewehren und Säbeln auf den Universitätsplatz, sie dort abzuliefern.Doch der Platz war still, die Aula war leer. Die Calabreser mit denwallenden Federn waren verschwunden; traurig und kleinlaut schlicheneinzelne Legionäre in bürgerlicher Kleidung mit dem vor kurzemnoch verspotteten Chlinder auf dem Haupte durch die Straßen. DieZeit der Verwandlungen war gekommen. Mancher stolze Bart warvon gestern auf heute gefallen, manches lockige Haupt hatte sich ineinen spießbürgerlichen „Titus" umwandeln lassen müssen, und mehrals einer von jenen, deren Züge sich in den bewegten Wochen zuvordem Gedächtnisse Vieler eingeprägt hatten, war jetzt kaum zu erkemneu, wenn er nicht mit dem gewohnten Ton seiner Stimme sich selbstdas Zeugnis gab.