330 m> 23. Das Schicksal Wiens und die mitteleuropäische Revolution.
letztere eine Art Gegen-Parlament von Frankfurt. Der demokratischeCongreß veranstaltete am Nachmittag des 29. eine große Versamm-lung unter den Zelten im Thiergarten. Ein Mitglied der Wiener aka-demischen Legion — „sein blaßbraunes schwarzbebartetes Gesicht schienaus östliche Abkunft zu deuteil", hieß es in einem gleichzeitigen Be-richte — ergriff das Wort. „Die herrschsüchtige Camarilla", spracher, „wolle die deutsche Freiheit unterdrücken mit Hilfe der Slaven,die, knechtisch sich bückend vor dem gepolsterten Stuhl den man Thronnenne, sich als Werkzeuge der Tyrannei gebrauchen ließen. Barba-rische Horden unter Anführung des Jelacic, der feig vor den Ungarngeflohen, bedrohten Wien. Nur der edelste slavische Stamm, diePolen, machten mit den andern nicht gemeinsame Sache. Wie einstSobieski Wien gerettet vor der Uebermacht der Türken, so hättensich jetzt edle Polen zu den Wienern gestellt, um mit ihnen zu siegenoder zu fallen. Die Wiener aber setzten ihre Hoffnung auf ihredeutschen Brüder, vor allem ans die hochherzigen Berliner." MehrereAndere sprachen; zuletzt trat Einer hervor: „Mein Name ist ArnoldRüge", begann er, und schlug dann vor, „eine Monstredeputationder Bürgerwehr und gesammten Bevölkerung Berlins" zu veranstaltenund der National-Versammlung eine Petition zu Gunsten Wiens zuüberreichen. Er ließ darüber abstimmen: „Jene, die wollen, daß inWien die Freiheit und die deutsche Civilisation siegeil und daß dendeutschen Männern dort geholfen werde, mögen die Hand erheben!"Die große Mehrzahl that das; selbst die Damen in den Equipagen,wie Rüge zu seiner lebhaften Befriedigung bemerkte, erhoben ihreHände. „Gegenprobe: Jene, die wollen, daß in Wien die Camarillaund die Despotie siegen, mögen die Hand erhebeil!" Natürlich mel-dete sich auf eine so gestellte Frage niemand, und Ruge's Vorschlagwar daher glänzend angenommen. Zur selben Zeit war auch dieConferenz der linksseitigen Abgeordneten zusammengetreten. Nacheiniger Berathung einigte sie sich in dem Beschlüsse, die Sache Wienszu der ihrigen zu machen und einen Aufruf, mit dessen Abfassungd'Ester, Mitglied der preußischen äußersten Linken, betraut wurde, andie Bevölkerung Berlin's zu richten. Am 30. war das Placat anallen Straßenecken zu lesen. Es mahnte, „den teuflischen Künsteneiner fluchwürdigen Camarilla entgegenzutreten, ehe es zu spät sei;mit dem Falle Wiens werde die alte Willkürherrschaft mehr als je