296 II 21. Unbedingte Unterwerfung Wiens 29 — 30. October.
fallen, seine Truppen so rasch als möglich in die Stadt einrückenzu lassen, die sonst von den Mobilen und dem ungezügelten Prole-tariat das ärgste zu befürchten hätte. Windischgrätz erwiederte: „Ichkann meine Soldaten nicht neuerdings einen Straßenkampf eingehenlassen. Sie sind mir zu Werth, als daß ich zugeben könnte, daß ausFenstern, Kellerlöchern und anderem Versteck meuchlings auf sie ge-schossen werde. Die Reihe ist an der Stadt, die ihr auferlegten Be-dingungen zu erfüllen. Daß Pulszky nicht mehr in Wien ist, willich gern glauben, und Ihre Sache ist es dafür zu sorgen, daß dieandern nicht entkommen." Schließlich sagte er zu, daß die Stadt ammorgigen Tage'militärisch besetzt werden solle; er werde eine Com-mission zusammensetzen, die mit den Abgesandten der StadtgemeindeWien die näheren Bedingungen festzusetzen habe^).
Am Morgen des 30. verbreitete sich in der ganzen UmgebungWiens mit froher Eile die Kunde, daß alle Feindseligkeiten geendetseien. Nicht nur der ruhige Bürger, auch der besser fühlende Sol-dat hatte seine Freude daran. In vielen -Orten wurden die Ein-wohner mit Victoria-Rufen und Vivats aus dem Schlafe geweckt.„Fast jeder Soldat", lautet ein gleichzeitiger Bericht aus Döbling,„ist mit einer Blume geschmückt; sie sitzen frohen Muthesbeisammen,doch in voller Rüstung, als gälte es jeden Augenblick den Kampf zuerneuern." Zeitlich morgens wurde ein Artillerieofficier aus demHauptquartier als Courier nach Wiener-Neustadt an das dortigeMilitär-Commando gesandt; auch die in Baden liegenden Truppenempfingen die Botschaft mit dem Befehle, für ihre Weiterverbreitungin der Umgegend zu sorgen. Um 9 Uhr V.-M. kam ein Eisenbahn-zug von Mödling in den Badner Bahnhof gefahren;, weiße Tücherwehten von weitem heraus. Der Ober-Conducteur sprang ab, ver-kündete die eingegangene Capitulation; er lief Gefahr von den instürmischer Freude an ihn sich herandrängenden Leuten erdrückt zuiverden. Darauf flog alles in die Stadt zurück, die lang ersehnteKunde nach allen Richtungen weiter zu tragen. Ueberall Jubel undEntzücken. Am Nathhause, auf dem Thurm der Hauptkirche wurdenweiße Fahnen ausgesteckt.
Fürst Windischgrätz aber telegraphirte nach Olmüz: „Wien hat sichunbedingt unterworfen, die kaiserlichen Truppen besetzen heute die Stadt."