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II. 11. Vorgänge in Wien, 22.—23. October.
der Masse der Bevölkerung bald wahrnehmen. So mancher, der, einesselbständigen Urtheils bar, bis dahin noch geschwankt hatte, hielt sichjetzt, nachdem, wie er meinte, die Vertreter der Völker Oesterreichsihren Ausspruch gethan, in seinem Gewissen beruhigt und ging ohneweitere Bedenken in den Kampf Bei den roheren Naturen wichder Eindruck der ersten Betäubung, die der Inhalt der LnndenburgerProclamation hervorgerufen, Ausbrüchen ausgelassener Lustigkeit; nachder Melodie des Fuchsliedes wurde „der lederne Windischgrätz, sa saWindischgrätz" hernntergeträllert. Ging es dann hitziger her, wurdefreilich nicht mehr gesungen, sondern geflucht und geschimpft. „Nichtanders wird der Windischgrätz pardonirt: wo der Andere gehangenist, muß er auch hänge»!" Selbst Weiber wünschten sich den „Jella-cek", um den „böhmischen Kerl" umbringen zu können. Doch dabeiblieb es nicht. Bei allem, was die Wirrnisse der letzten Monateangefressen und znm Theil schon verdorben, so viel steckte noch inden Leuten von der alten Anhänglichkeit an ihren Kaiser, daß sie,leichtblütig wie sie waren und schuldlos wie sie sich dünkten, anfangsgar nicht denken mochten, er könne Ernst gegen sie machen wollen.Doch rasch und ohne Uebergang schlug jetzt, da das Ungeglaubtedennoch eintrat, die frühere versöhnliche Stimmung in ihr häßlichesGegentheil um. Wer es versuchte, den Kaiser zu vertheidigen, galtden wetterwendischen Leuten im besten Falle als ein Befangener, denjener zu täuschen und für sich einzunehmen gewußt. Der gütigeFerdinand erschien ihnen im Bilde eines heimtückischen Tyrannen, derseinem Volke, so lange die Dinge für ihn schlecht standen, mit trüg-lichem Lächeln Freiheiten gegeben, die er jetzt, mit schlauer Benützungihm günstiger Umstünde, schadenfroh wieder zurücknehme. Unter denkaiserlichen Manifesten, die an den Straßenecken angeschlagen waren,fand sich nicht selten das: Ferdinand der „Erste" am Ende durch-strichen und mit Bleistift der „Letzte" an die Stelle gesetzt. Eswar eine sinnlose Wuth, von der sich die Leute keine Rechenschaft zugeben, die sie aber eben so wenig zu bemeistern wußten. „Sie habenRecht, ganz Recht", sagte ein bewaffneter Bürger zu Auerbach, derihn auf bessere Gedanken bringen wollte; „aber ich bin wild, so wild,ich weiß nicht wo aus. Ich habe meine gute Nahrung, eine braveFrau und vier Kinder. Aber alles könnte zu Grunde gehen, ich selbstwill sterben: nur Rache an dem Kaiser und der Camarilla, die Wien