12 I. 2. Zustände und Stimmungen in Wien.
Doch, wie sollte der gemeine Mann sich klare Rechenschaft gebenkönnen, wenn seile, die sich seine Führer nannten, mit sträflicherBerstocktheit fortfuhren sich zu stellen, als ob sie selbst nicht wüßten,was man denn eigentlich gegen Wien habe. „Daß der Hof sich ausder Nähe seiner Hauptstadt entfernt, daß in seinem Gefolge unddurch sein Beispiel hingerissen so Biele Wien verlassen, daß zuerstin, später um Wien kaiserliches Militär sich angehäuft, das allein",so entblödeten sie sich nicht zu sagen, „sind die Ursachen der Beun-ruhigung Wiens, wo im übrigen eine Ruhe, eine Ordnung, eineSicherheit waltet, worüber man wahrhaft staunen muß!" DellMitgliedern der Reichstags - Permanenz stieg die Gluth edler Ent-rüstung in's Gesicht, wenn sie die Behauptung hörten, in Wien herrscheAnarchie. Die Deputationen, die vor dem kaiserlicheil Hof erschie-nen, betheuerten mit allem, was ihnen heilig, der tiefste Friede weilein den Mauern ihrer Hauptstadt. Die radicalen Blätter stimmtenden gleichen Ton an. „Wenn unsere Zeitung noch den auswärtigenLesern in die Hände kommen sollte", schrieb der „Grad' aus" am 23.,„so mögen sie erfahren, daß unsere Stadt im Innern noch dasselbeGepräge der Ruhe und Ordnung trägt wie in den ruhigsten Zeiten..des Metternich'schen Regiments."
Die Beweise für diese Behauptung blieben sie freilich alleschuldig. Wenn man unter Anarchie den Abgang gesetzlicher Ordnungversteht, so durfte inan sie fragen, ob es eine Macht in Wien gab,die Urheber und Thäter einer der herzlosesten Schlächtereien die jevorgefallen, die Mörder Latour's vor Gericht zu ziehen und zu be-strafen? Wie es in der Zeit herging, da in Wien „von Anarchie keineSpur" zu finden war, davon wußte der Ausländer Pröhle zuerzählen, der am Abend des 17. auf dem Glacis von drei mit Aex-ten und Stöcken bewaffneteil Arbeitern als „ein Jude und einSchwarzgelber" festgenommen und auf die Hauptwache geführt wurde,wo der Jnspections-Hauptmann seine „Cameraden" bei ihrem Ein-tritte sichtlich mit mehr Bedenken betrachtete als den Arrestanten;oder der Bezirks-Chef Hoffmann von der Leopoldstadt, der am 20.in der Taborstraße unweit des Gasthofes „zum Posthorn" von einemHanfeil Proletarier vom Pferde gerissen und auf das Gemeindehausgeschleppt wurde, damit er ihnen Pulver und Wein verabfolgenlasse; oder der Apotheker Schürer von Waldheim, der sich am 21