und Haß, geschürt nicht durch wirkliche Not, sondern durch den An-spruch, den alle auf alles erheben (ohne einander, wie unter dem Waltender wirthschaftlichen Gerechtigkeit der Fall, bei Erlangung des vonallen Gewünschten behilflich sein zu können). Ob ihrer viele oderwenige sind, ist dabei ganz gleichgiltig. Man setze zwei Horden von jezehn Mann in ein gegebenes Stück Land und sie werden einander ebensogrimmig verfolgen, als wenn jede Horde ans Tausenden bestünde.Allerdings bringt die landläufige Legende den Kannibalismus in derRegel mit Nahrungsmangel oder doch mit Fleischmangel in Zusammen-hang; aber dieser Irrtum ist nur möglich, weil die Doktrin der Aus-beutung ihren Anhängern überall die Hallucination der Übervölkerungvorspiegelt. Freilich besitzen die Kannibalen keinen Überfluß im Sinnedes Kulturmenschen, weil es eben Wilde sind, die über das erste Ent-wickelungsstadium der Menschheit noch nicht oder doch noch nicht langehinaus sind; aber zu glauben, daß sie Übervölkerung und Nahrungs-mangel zu ihren kannibalischen Gewohnheiten gebracht, ist doch einerecht starke Leistung der Ürteilslosigkeit. Denn nirgend sind es dieHungrigen, die sich an Menschenfleisch delektieren, sondern die Satten,Reichen; kein Nahrungsmittel, sondern ein Leckerbissen ist dem Kanni-balen überall sein Mitmensch und diese schauerliche Gourmandise iststets eine abgeleitete Erscheinung; der Kannibale gewinnt Geschmack aneiner Handlungsweise, deren treibendes Motiv ursprünglich überallfeindseliger Haß und Aberglaube gewesen.
Aber auch der Ausbeuter ist zu seinem Thun durch Einengungdes Nahrungsspielraumes weder veranlaßt, noch dient dasselbe zurVerhinderung zukünftiger Übervölkerung. Nicht weil die Nahrungs-mittel seltener, sondern weil sie häufiger, leichter erlangbar wurden alszuvor, schritten die Menschen zu gegenseitiger Unterdrückung, und dasElend, welches dadurch über die Unterdrückten heraufbeschworen wurde,verminderte nicht, es vermehrte ihre Zahl. Allerdings dezimiert dasElend zugleich jene Unglücklichen, deren Fruchtbarkeit es fort und fortsteigert, aber wie Erfahrung zeigt, überwiegt doch letztere Wirkung dieerstere, sonst könnte die Bevölkerung unmöglich desto rascher auwachsen,je proletarischer die Verhältnisse sind und desto stationärer werden, jehöher der verhältnißmäßige Wohlstand steigt.
Gleichgewicht zwischen Vermehrung und Nahrungsspielraum waltetalso allenthalben in der Natur kraft eines, alle lebenden Wesen be-herrschenden großen Gesetzes und nichts berechtigt uns zu der Annahme,daß der Mensch allein unter seinen Mitgeschöpfeu demselben nichtunterworfen sein sollte.
(Schluß des vierten Verhandlungstages.)